Sie weiß es noch genau. Sie war neun Jahre alt und saß mit ihrer Familie im Auto, als das Wahlergebnis übers Radio kam und Helmut Kohl an die Macht.

Alle haben gejubelt, nur sie nicht, aus Prinzip. Und weil ihr der andere Helmut "vom Angucken" besser gefiel.

Das war die erste politische Regung von Dorothee Schulte, und danach spürte sie lange Zeit nichts. Die einzigen Weltereignisse, die sie seitdem "wirklich erreichten", waren die Wende und der Golfkrieg. "Ich würde meine Generation als völlig unpolitisch bezeichnen", sagt Dorothee Schulte. "Wir sind die sorglosen Kinder der achtziger Jahre." Blühende Wirtschaft, festes Weltgefüge und im Elternhaus genug Geld für das Nötige und für diverse Extras. Dorothee sagt, sie kenne keine Angst vor Kriegen, vor Umweltkatastrophen oder sozialem Abstieg. Das hat viel mit Gott zu tun, vor allem aber mit Dorothee.

Sie ist heute 25 Jahre alt, studiert in Münster Theologie und Philosophie, finanziert ihr Studium als Kellnerin und als freie Mitarbeiterin in der Schulseelsorge des Erzbistums Paderborn.

Ihre Erscheinung ist für jeden Kommilitonen aus dem Priesteramt eine Prüfung der Zölibatsabsichten. Die Augen sind blau, die Formen barock, den Rock trägt sie kurz und am Knöchel ein Tattoo. Überhaupt ist sie für die gesamte philosophisch-theologische Hochschule der Franziskaner und Kapuziner eine Provokation, mindestens eine Irritation. "Eigentlich tue ich dem Laden ja furchtbar gut", sagt Dorothee, "nur rafft das keiner."

Aufgewachsen ist sie in Dortmund als jüngstes von drei Mädchen - das Nesthäkchen, verwöhnt und behütet und doch an langer Leine, Freiheit auf Vertrauensbasis. Auf dem katholischen Mädchengymnasium gefällt es ihr gut, die Jungen erscheinen entbehrlich, und nicht zuletzt deren Abwesenheit schreibt sie es zu, daß aus vielen Mitschülerinnen heute Informatikerinnen und Biologinnen geworden sind.

Die Mutter ist es, die sie von ihrem fünften Lebensjahr an jeden Sonntag mit zur Kirche nimmt, und die Mutter ist es auch, die der 14jährigen Dorothee sagt: "Wir haben Religionsfreiheit. Nun mach, was du willst." Ein paar Sonntage zieht Dorothee es vor, auszuschlafen. Dann geht sie freiwillig wieder mit, wird später Meßdienerin und verbringt viel Zeit in den Jugendgruppen der Gemeinde. "Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen" - das ist es, worauf es ihr immer angekommen sei, sagt Dorothee.