Unversehens verhedderte sich der Hamburger Kaufmann Carlheinz H. in den Fallstricken zwischen Welt- und Firmenpolitik, als er in den Jahren 1996 und 1997 genehmigungspflichtige Geräte für Atomanlagen illegal nach Indien exportierte. Vor dem Amtsgericht wirft man ihm nun einen "Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz" vor, aufgeregt klammert sich der untersetzte 67jährige an seinen Aktenkoffer. "Ich bin froh, daß ich endlich etwas dazu sagen kann", erklärt er.

Drei strahlengeschützte Unterwasserkameras für atomare Einrichtungen versandte Carlheinz H. auf den Subkontinent, ohne die notwendigen Ausfuhrgenehmigungen zu beschaffen. Daß er dabei in Kauf genommen habe, daß die Kameras "im Bereich der Nukleartechnik" eingesetzt werden, wie die Staatsanwältin ihm vorhält, kann Herr H. nicht abstreiten: "So eine Verwendung ist anzunehmen, zu einem anderen Zweck kauft ja niemand so ein Gerät." Schließlich koste eine einzige Kamera 290 000 Mark.

Dennoch betrübt die Anklage den Kaufmann. "Ihre Vorwürfe treffen mich tief", sagt Herr H. 42 Jahre lang habe er seine Firma durch "Höhen und Tiefen" geführt, ohne sich etwas zuschulden kommen zu lassen, und nun sitze er auf der Anklagebank. Dabei habe er dem unseligen Handel weder "mit Absicht noch aus Böswilligkeit" zugestimmt. Er habe angenommen, er benötige für den Export der an sich harmlosen Kameras keine besondere Genehmigung. Genau dies habe ihm sein amerikanischer Lieferant versichert. Auf der deutschen Sperrliste mit den genehmigungspflichtigen Gütern, die er in seinem Kontor vorliegen gehabt habe, seien die Inspektionskameras gar nicht aufgeführt gewesen.

"Kein Wunder", trumpft der Richter auf, die Liste von Herrn H. sei schon "ein bißchen arg veraltet gewesen". Im Bereich der Hochtechnologie gebe es stets neue Produkte, findet der Jurist, da reiche es nicht, sich irgendwann einmal aus Bonn eine Liste schicken zu lassen und die dann im Schreibtisch abzulegen. Ein derart laxer Umgang mit den Bestimmungen sei mehr als fahrlässig, muß sich Herr H. vom Gericht vorwerfen lassen.

Seine Firma vertreibe regelmäßig Geräte für Atomanlagen, gibt Herr H. zu, sicher hätte er stets eine aktuelle Liste zur Hand haben sollen, aber: "Da habe ich irgendwann glatt die Übersicht verloren. Die Gesetzgebung, die auf uns lastet, ist so unübersichtlich. Man kommt schon gar nicht mehr zum Arbeiten."

"Schauen Sie mal, Herr Richter", belehrt nun Carlheinz H. seinerseits das Gericht über die Hintergründe des Falles. Nicht diplomatische Verwicklungen mit Indien oder Pakistan hätten zu der Anklage geführt, sondern die Anzeige eines französischen Konkurrenten, der keineswegs von lauteren Motiven angetrieben wurde.

"Die wollen das Geschäft selbst durchziehen", vermutet Herr H., und hinter seinen Worten klingt unüberhörbar Verbitterung. In Frankreich handhabe man den Export solcher Geräte weitaus laxer als bei uns, da seien die strengen deutschen Gesetze der Konkurrenz nur recht gewesen, um ihn vom Markt zu drängen. Der Richter resümiert: "Die Franzosen wollen Ihnen also einen beipulen, die Amerikaner haben keine Bedenken, aber Indien macht Atomwaffentests, Pakistan auch ..."