Die Zukunft klammert sich an sechzehn Buchstaben. Ohne die baumelt das Leben in der Luft, geht nicht vor und nicht zurück. Mit den sechzehn Buchstaben wäre alles anders: Wenn sie einen Ausbildungsplatz fände, meint Emel Akbay, dann hätte sie wieder Spaß an Aerobic, dann würde sie sich im Volleyball-Verein anmelden, dann könnte sie den Führerschein machen, dann hätte sie auch wieder Lust zu lesen. Im Moment hat sie "einfach zu gar nichts Lust". Der Moment dauert schon seit dem 9. Juli.

An jenem Tag ist die 18jährige Emel zum letzten Mal zur Schule gegangen.

Grundschule, Realschule, kaufmännische Berufsfachschule und dann plötzlich - "Das kann man gar nicht beschreiben. Du fühlst dich so leer." Jetzt müßte etwas Neues anfangen, doch es geschieht nichts - außer daß die Zeit vergeht und der Stapel mit den Klarsichtmappen wächst. Mehr als dreißig Bewerbungen hat Emel darin abgeheftet, korrekt geschrieben mit Lebenslauf: geboren 1980 in Bremen, seit 13 Jahren in Berlin, Staatsbürgerschaft türkisch. "Hiermit bewerbe ich mich um einen Ausbildungsplatz", als Rechtsanwaltsgehilfin, Restaurantfachfrau, Einzelhandelskauffrau, Steuerfachgehilfin. Emel hat vieles versucht. Die freundlichsten Absagen endeten mit einem "Kopf hoch!", die ehrlichsten mit: "Zu unserer eigenen Entlastung schicken wir Ihnen Ihre Bewerbungsunterlagen zurück."

Sie ist höflich, sie ist hübsch, hinter den runden Brillengläsern blitzen wache Augen. In ihrem Abschlußzeugnis der Berufsfachschule steht eine Eins bei Mathematik und bei Deutsch eine Drei. "Wenn das nicht gut genug ist, sollen sie doch gleich Abiturienten nehmen", schimpft Emel. Wenigstens eine Chance hätten sie ihr geben können. Das heißt, eine Chance hatte sie ja. Ein Rechtsanwalt und Steuerberater, Kanzlei in renommierter Hauptstadtlage, sagte einen Ausbildungsplatz zu. Drei Tage sollte sie vorab zur Probe kommen.

Gleich am ersten Tag diktierte der Anwalt die schriftlichen Vertragsbedingungen für "Fräulein Akbay": Punkt eins: "Sie pflegen einen Freundeskreis, der zu Ihren alltäglichen Herausforderungen einen persönlichen Beitrag leisten kann, d. h. er ist in ähnlicher Situation und Branche zu Hause." Die übrigen sechs Anforderungspunkte umfassen Absurditäten wie Teilnahme an einem Standardtanzkurs, "um gesellschaftliche Anforderungen zu beherrschen", Absolvieren eines Theaterlehrgangs in freier Rede, Lektüre des Alten Testaments und - handschriftlich zugefügt - "kein Kopftuch".

Emel, die nie ein Kopftuch getragen hat, ging nicht wieder hin. Zum ersten Mal spürte sie, daß ihre Herkunft ein Stigma bedeuten kann. "Scheißkanake" - klar hört sie "solche Nazisprüche" auf der Straße. Aber sie hat sie nicht auf sich bezogen. "Ich habe mich nie weggeschoben gefühlt." In der Schule waren Kroaten, Polen, Araber, Deutsche, Türken. "Die Nationalität spielt doch keine Rolle", sagt Emel und widerspricht sich schon wenige Sätze weiter: "Klar fühl' ich mich als Türkin." Mit 18 Jahren wird sie jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, "weil das einfach praktisch ist beim Reisen" und vielleicht hilft auf dem Weg zum Ausbildungsplatz. "Aber ein komisches Gefühl ist es doch, vielleicht wird man dann gar nicht mehr als Türkin angesehen." Kein angenehmer Gedanke.

Für Emel hieße das, sich aus einer Welt herauszuwagen, in der es zwar Miniröcke gibt und Nike-Schuhe an den Füßen, Computer auf dem eigenen Schreibtisch und zum Geburtstag Jil-Sander-Parfüm vom großen Bruder, aber keine Discos, keine Versuchung durch Drogen, keine Diskussionen über Krieg und Umweltzerstörung. Ein Jungmädchenleben wie um die Jahrhundertwende, behütet in einem Kokon aus Familienfeiern, Plätzchenbacken, Deckenhäkeln aus feinem Garn und Fernsehen, via Satellitenschüssel direkt aus dem Land, das Heimat heißt.