Überraschend für das ganze Land beurlaubte Jelzin im April 1998 Regierungschef Tschernomyrdin. Warum, weshalb - keinerlei Erklärungen. Auch für Tschernomyrdin selbst kam das aus heiterem Himmel. Der Präsident schlug der Duma einen neuen Kandidaten für das Amt des Premiers vor: Kirijenko. Wer dieser junge Mann aus Nishnij Nowgorod war, davon hatten wir einfachen Bürger keine Ahnung. Auch die Duma war verwirrt und stellte sich quer. Sie lehnte Kirijenko ab. Der Präsident überlegte nicht lange und wiederholte seinen Vorschlag. Die Duma lehnte erneut ab. Der Präsident beharrte darauf, offensichtlich zum Äußersten entschlossen, schlimmstenfalls zur Auflösung der Duma. Die Motive seiner kategorischen Entschiedenheit blieben unbekannt ...

Schon damals hatten wir das traurige Gefühl, einem Spiel beizuwohnen, dessen Sinn wir nicht begreifen, obwohl es in unserem Namen gespielt wird, im Namen des Volkes. Solche Spiele gab es auch früher, im sowjetischen Leben, doch damals wurden sie bemäntelt mit schönen Worten wie "Partei und Volk sind eins". Heute denkt man sich nicht einmal mehr Phrasen aus. Der Präsident drängte die Duma in die Ecke, von wo aus sie versuchte, an demokratische Grundwerte zu appellieren. Aber als die Abgeordneten begriffen, daß die Duma aufgelöst werden könnte und sie Gefahr liefen, plötzlich ihre Pfründe zu verlieren, verzagten sie und schoben ihre Prinzipien beiseite. Der Sessel ist eben kostbarer. Sie gaben nach, wenn auch mit Bosheit im Herzen.

Voller Energie ging der junge Premier ans Werk. Es wurde viel gerätselt, wer dieser Mann war, der uns da auf einen neuen Weg führen sollte

ob wir ehrfürchtig zittern mußten

ob er vielleicht die von vielen seit langem ersehnte starke Hand war. Nein, dazu schien er zu gebildet. Die Gesellschaft beobachtete ihn, wartete und war noch zu keinem Schluß gekommen, als die Überraschung nach vier Monaten wieder zurückgenommen wurde. Der Präsident beurlaubte sein gesamtes Kabinett und schlug eine Neubildung der Regierung vor - und zwar wieder unter Tschernomyrdin. Das war nun schon eine Große Überraschung. Was geschehen war, warum und weshalb ausgerechnet so - keinerlei Erklärungen. Nach den Worten eines russischen Schriftstellers ist es die vorrangige Aufgabe der Obrigkeit, das Volk in ständigem Staunen zu halten. Dafür wurde jedenfalls gesorgt. Natürlich muß die Obrigkeit ihr Handeln nicht erklären, aber von Zeit zu Zeit sollte sie sich dennoch dazu herablassen, sonst könnten dem Normalbürger plötzlich selbständige Gedanken kommen, die ihm dann nur schwer wieder auszutreiben sind. Dennoch gab der Präsident keine Erläuterungen, weder der Duma noch dem Volk. Vielleicht glaubte er, die Duma würde Tschernomyrdin mit Freuden wieder zurücknehmen und die ganze Prozedur wäre in einer halben Stunde erledigt.

Doch die Duma lehnte Tschernomyrdin ab, und zwar mit derselben Inbrunst, mit der sie vor kurzem noch um ihn gekämpft hatte. Warum dieser plötzliche Wandel, das wollte sie ihren Wählern nicht erklären. Die Duma hatte ganz offensichtlich anderes im Sinn als uns. Die Abgeordneten spielten mit dem Präsidenten ihr eigenes Intrigenspiel

er bestand auf Tschernomyrdin, sie lehnten ihn auch das zweite Mal entschieden ab. Diesmal hatten sie keine Angst vor der Auflösung der Duma, sondern drohten dem Präsidenten mit einem Mißtrauensvotum. Was hinter alldem stand, blieb undurchsichtig. Klar ist nur, daß es dabei zu einem Erdrutsch des Rubels kam. Der Präsident schwor vor Fernsehkameras, es werde keine Geldabwertung geben, denn er vermutete sehr richtig, der Normalbürger brauche einen Anhaltspunkt, um sich zu beruhigen.