Mit einem vierzehnmonatigen Wahlkampf werde er die Republik überziehen, hatte Helmut Kohl im Sommer des vergangenen Jahres gedroht, als die große Steuerreform gescheitert war. Die Drohung wurde wahr, und keine Woche verging, in der man sich nicht hat grämen müssen über so viel Wahlkampf und so wenig Inhalt. Und dann plötzlich findet dieser trostlose Wahlkampf im letzten Moment doch noch sein Thema, das uns alle im Innersten bewegt: Werden wir auch in Zukunft unser Deutschlandlied (dritte Strophe) singen dürfen, oder soll es uns, wie der Kanzler ahnt, zusammen mit der "schwarzrotgoldenen Republik" genommen werden?

Fast scheint es, als seien alle bisherigen Zumutungen des Wahlkampfes - Nato-Austritt, Autofahren nur noch für Spitzenverdiener und Ferienflüge gar nicht mehr - auf diese eine Drohung zusammengeschnurrt. Einen "Anschlag auf das Nationalgefühl und den Patriotismus aller Deutschen" nennt CSU-Generalsekretär Protzner den Vorschlag des Bündnisgrünen Werner Schulz und gelobt - gemeinsam mit Guido Westerwelle -: "Wir lassen uns von Rot-Grün nicht die Hymne aller Deutschen nehmen."

CDU-Generalsekretär Peter Hintze sekundiert, "unsere Nationalhymne war für Millionen von Menschen hinter Mauer und Stacheldraht die Melodie der Freiheit, nach der sie sich im SED-Regime gesehnt haben". Daran müßte sich der langjährige DDR-Bürger Werner Schulz eigentlich noch erinnern. Wichtiger als eine neue Hymne ist für Schulz allerdings ein sehr gutes grünes Wahlergebnis in Sachsen. Sonst verpaßt der auf Platz zwei der Landesliste kandidierende Bürgerrechtler am Ende den Einzug in den Bundestag. Und wer sollte uns dann die neue Hymne komponieren?

Es müssen eben nicht nur die wirklich wichtigen Themen im Wahlkampf verhandelt, sie müssen auch mit Mut und Ehrlichkeit angepackt werden. Im Eifer des Gefechtes besonders ehrlich präsentierte sich jetzt Claudia Nolte.

Vier Jahre lang assoziierte das nachtragende Publikum mit der Familienministerin nur die Rüschenbluse, die sie zu ihrer Vereidigung im Bundestag getragen hatte. Jetzt hat sie sich mit einer einzigen ehrlichen Bemerkung über die geplante Mehrwertsteuererhöhung als Nachfolgekandidatin für das Finanzministerium ins Spiel gebracht. Alles falsch, alles frei erfunden - so lauteten noch die moderateren Kommentare ihrer politischen Freunde. Was den einen ihr Benzinpreis ist, ist den anderen die Mehrwertsteuer. Was blieb Claudia Nolte anderes, als zu dementieren?

Jetzt also treibt der Lagerwahlkampf seinem Höhepunkt entgegen. Er spielt sich - Woche der Entscheidung! - vorwiegend innerhalb der Lager ab.

"Zweitstimme ist Kanzlerstimme" schallt es aus der Union, die diesmal wirklich keine Leihstimmen für die FDP übrig hat. Guido Westerwelle hingegen findet, gerade weil die FDP sich in der Vergangenheit so schön um die Inhalte gekümmert habe, müsse sie jetzt für ihre Funktion als Mehrheitsbeschafferin belohnt werden. Ähnliches spielt sich im anderen Lager ab: "Zweitstimme ist Schröder-Stimme" erklärt Oskar Lafontaine und will, wie eh und je, die Grünen klein halten. Da wird auch Gerhard Schröder zustimmen. Die Zielvorstellungen seiner Kanzlerschaft - prosperierende Wirtschaft, innere Sicherheit und verläßliche Außenpolitik - hat er jetzt, in der Woche der Entscheidung, noch einmal schonungslos offengelegt. Nur in der Hymnenfrage ist er noch unentschieden.