Der Wahlkampf biegt in die Zielgerade ein. Die Parteien waren ausgezogen, die Wähler zu bearbeiten. Erst wenn Lärm und Staub verflogen sind, werden sie merken, daß sie sich selbst verändert haben. Die Gladiatoren verlassen die Arena anders, als sie sie betreten haben.

Begonnen hatte alles mit einem Paukenschlag. Am Abend des 1. März, nach dem Triumph Gerhard Schröders bei der Niedersachsen-Wahl, war mehr entschieden als die Spitzenkandidatur der SPD. Ein Wahlkampf begann, der im Laufe der Zeit drei Gewohnheiten deutscher Politik umgeworfen hat: Erstens: Der plebiszitäre Schwung, mit dem Schröder zunächst Lafontaine und dann Kohl, die SPD wie die CDU herausforderte, hat über Nacht die Gremien der SPD ebenso alt aussehen lassen wie die Strategien der CDU. Plötzlich und nicht ganz unerwartet ist eine ehrwürdige Programm- und Funktionärspartei verschieden. Sie paßte sowenig mehr in die politisch-kulturelle Landschaft wie eine Kanzlerpartei, deren Vorsitzender sich in der Art eines Großmoguls selbst inthronisiert - und seinen Nachfolger gleich mit. Die alten Parteien, Stile und Methoden, ob basisdemokratisch oder neofeudal, wirken inzwischen wie Fremdkörper in einer Gesellschaft, die insgesamt wacher und weniger verblödet ist, als manche Medien vermuten lassen. Die veränderte politische Kultur belohnt jene, die - notfalls auch an den Parteien vorbei - sich auf eine Kommunikation verstehen, die den Wählern wenigstens die Illusion der Teilhabe läßt. Niemand weiß, wie die Parteien nach diesem Wandel aussehen werden. Sicher ist nur, daß sie dabei sind, den alten Kokon zu sprengen.

Auf der Strecke geblieben sind, zweitens, Richtungs- und Lagerwahlkämpfe aller Art. Auch hier verabschiedet sich eine politische Tradition, und es war nicht die schlechteste. Die ideologischen Auseinandersetzungen früherer Zeiten, die rhetorischen Gefechte, selbst noch die absurdesten Zuspitzungen ("Freiheit statt Sozialismus") waren ja nicht einfach eine déformation professionelle der Politiker, sondern auch - selbst noch in ihren demagogischen Masken - später Ausdruck einer großen demokratischen Hoffnung, eines Versprechens auch, das die Demokratie in den letzten fünfzig Jahren auf erstaunliche Weise eingelöst hat: Der demokratische Streit zwischen politische n Gegensätzen, das Für und Wider zwischen Regierung und Opposition, entschieden schließlich vom Souverän, dem Wähler, und moderiert durch eine kritische Öffentlichkeit, dieser Wettbewerb zwischen klaren Alternativen werde nach und nach den Fortsch ritt allüberall befördern, die sozialen Übel besiegen, dem Willen des Volkes zum Sieg verhelfen. Wo sich aber die Alternativen verflüssigen, die Nebenfolgen oft genug die guten Absichten dementieren, die sozialen und die ideologischen Lager sich auflösen, der Sozialismus eine Erinnerung und der Kapitalismus keine Hoffnung mehr ist, da wirken die hochgerüsteten Richtungs- und Lagerwahlkämpfe eher wie Ritterspiele in einem Freilichtmuseum: unterhaltsam manchmal und auch amüsant wenn's gutgeht, wie virtuelle Diskurse, denen das Gegenstück in der Realität fehlt doch meist einfach mehr Krampf al s Kampf. Niemand weiß, welche Formen der Demokratie sich in der Zukunft entwickeln werden. Sicher ist nur, daß die demokratischen Fibeln der Vergangenheit Politik und Demokratie nicht mehr verstehen und, dies vor allem, nicht mehr voranbringen können.

Eine dritte Lektion dieses Wahlkampfes wird sich erst nach dem 27. September, dann aber ziemlich rasch zeigen: Mit Politikverweigerung kann man, wenn eine Regierung erschöpft ist, vielleicht Wahlen gewinnen, nicht aber auf Dauer erfolgreich regieren. Die SPD und ihr Kandidat haben die Chance ausgeschlagen, im Wahlkampf über politische Ziele, Aufgaben und auch Zumutungen zu reden, durch eine politische Kommunikation mit dem Wähler politisches Kapital zu bilden, auf das sie dann in schweren Zeiten und bei unpopulären Entscheidungen zurückgreifen könnten. Von Willy Brandt hat man, nach der Ära Adenauer, gesagt, er träume immerhin in die richtige Richtung: Entspannung, innere Reformen, Ostpolitik. Wovon träumt, was will Gerhard Schröder? Das Visionäre an ihm sei, so haben seine Verteidiger schon die Antwort gefunden, daß er keine Visionen mehr habe. Doch das war gar nicht die Frage gewesen.

Nach der Wahl werden sich, wer auch immer regiert, die Probleme zurückmelden.

Sie werden sich, während die alten Formeln und Formen zerbrechen, neue Profile von Politik und Politikern schaffen. Parteien machen Personen und Programme, zwischen denen dann der Wähler entscheidet: Das war die sympathische Idee, die selbst einen deformierten Parteienstaat noch legitimierte. Personen machen sich, im Dialog mit dem Wähler, ihre Parteien und Programme: Damit werden künftig die einen scheitern und die anderen Erfolg haben.

Schröder hat es auf seine Weise getan. Schäuble wollte Partei und Wähler auf eine nüchterne, fast pädagogische Weise mit den Risiken und Chancen der Zukunft konfrontieren er hat sich nicht, noch nicht durchsetzen können.