Den einen gilt er als Lichtgestalt, den anderen als gefallener Engel: Seit Rupert Sheldrake Anfang der achtziger Jahre seine Theorie der "morphogenetischen Felder" veröffentlichte, verehrt ihn die Esoterik-Szene als Vordenker einer neuen wissenschaftlichen Spiritualität. Die etablierte Wissenschaft dagegen sieht den Biochemiker als trauriges Beispiel eines irregeleiteten Forschers, der sich immer mehr in seine bizarren Phantasien versteigt.

Sheldrakes neueste Bücher dürften beiden Positionen Vorschub leisten. Denn der ketzerische Pflanzenphysiologe hat darin einen gleichgesinnten Gesprächspartner gefunden. Mit dem Theologen Matthew Fox, der 1993 vom Vatikan aus dem Dominikanerorden ausgeschlossen wurde, hat Sheldrake ein ausführliches spirituelles Palaver abgehalten, das sowohl der O. W. Barth Verlag als auch der Kösel Verlag in Buchform gossen. Im einen wird über die Natur der Seele philosophiert, im anderen werden die Engel als "kosmische Intelligenz" entdeckt. Und beidemal singt das Autorenduo das Halleluja der postmodernen Mystik: Rationales und religiöses Denken widersprechen sich nicht mehr, ausgerechnet die Wissenschaft, die uns in ein kaltes, entseeltes Weltbild stieß, führt uns nun zum Heil zurück.

Eine nicht mehr ganz neue These, die sich allerdings ungebrochener Popularität erfreut. Denn wo findet der verunsicherte Zeitgenosse noch Halt angesichts des allgemeinen Wertezerfalls, globaler Verunsicherung und drohender ökologischer Krisen? Da hilft der Rückgriff auf Thomas von Aquin und Hildegard von Bingen. Aufgepeppt durch Quantenmechanik und Kosmologie, kommen die höheren Mächte zu ihrem Recht.

Gekonnt schwingen Sheldrake und Fox dazu den Zauberstab der Analogie: Mit der sprachlichen Gleichsetzung von wissenschaftlichen und spirituellen Phänomenen suggerieren sie inhaltliche Nähe, ja, so etwas wie Beweise. Da ist beispielsweise die geheimnisvolle "dunkle Materie". Astronomen nehmen heute an, daß 90 Prozent aller Materie im All für Teleskope nicht sichtbar sind und möglicherweise aus einer exotischen Teilchenart bestehen. Daraus wird für Rupert Sheldrake flugs das "kosmische Unterbewußtsein", und schon raunt Theologe Fox etwas von der mystischen Tradition, die besagt, daß "die Gottheit dunkel ist" und "nicht an ihren Handlungen erkannt werden kann".

Unsichtbare gleich bewußte Materie gleich Gott - so verbinden sich wissenschaftliche Fakten mit spekulativer Interpretation zu krausem Blödsinn.

Der freilich hat Methode. Auf dieselbe Weise leiten Fox und Sheldrake ab, die Sonne könne denken. Schließlich entstehe menschliches Bewußtsein "irgendwie" aus der elektromagnetischen Aktivität unserer Gehirnzellen - und weist nicht auch die Sonne komplexe elektromagnetische Aktivität auf? Damit ist zwar nichts erklärt und schon gar nichts bewiesen, aber wo nichts Konkretes behauptet wird, kann auch nichts widerlegt werden.

Nachdem Sheldrakes ursprüngliche These der morphogenetischen Felder stark unter Beschuß geriet (dokumentiert etwa in dem Sammelband Rupert Sheldrake in der Diskussion, Scherz Verlag 1997), weitet der Forscher nun den Feldbegriff ins Philosophische. Auch die Seele ist ein Feld. Beweis: Schon Thales von Milet schrieb Magneten eine "Seele" zu, heute wissen wir, es sind Magnetfelder. Die Rolle der Weltseele übernimmt Einsteins Gravitationsfeld ("Wie die Liebe ist es von seinem Wesen her einend"). Engel dagegen ähneln mächtig den Photonen, den Quantenteilchen des Lichtes. Denn Engel sind - genau wie Photonen - masselos und "gequantelt": "Man hat entweder einen ganzen Engel oder überhaupt keinen".

Zwar ist die Einsicht, daß es in nahezu allen Kulturen Vorstellungen nichtmenschlicher Geisteswesen gab, durchaus richtig. Das gäbe Stoff für eine spannende wahrnehmungspsychologische Analyse. Doch der naive Wiederbelebungsversuch alter Engel-Texte via quantenphysikalische Deutung macht das Thema eher lächerlich. Überdies führt er nicht etwa zu einer Rückbesinnung auf religiöse Grundwerte, wie es den beiden wohlmeinenden Predigern vorschwebt ("Wir müssen wieder lobpreisen lernen"), sondern unterwirft die Spiritualität erst recht dem Legitimationsdruck der exakten Wissenschaften. Wäre die Weltseele nur ein Gravitationsfeld, dann gnade uns Gott, wenn die Physiker lernten, dieses zu manipulieren.

Doch vor dem selbstkritischen Denken scheint sich der Wissenschaftler Sheldrake in das Himmelreich der Spekulationen geflüchtet zu haben, in dem ihm nicht einmal mehr innere Widersprüche auffallen. Da beklagt er einerseits die Entseeltheit der Welt und identifiziert René Descartes als Bösewicht, der die Welt zur Maschine erklärte. Und andererseits berichtet er, daß sich ausgerechnet Descartes von einem Engel inspiriert fühlte. Haben sich die himmlischen Heerscharen damit etwa listig selbst aus dem irdischen Geschäft entlassen?

"Steck deine linke Hirnhälfte einfach ins Bett, und such dir einen sinnlichen Ort", rät Matthew Fox. Rupert Sheldrake scheint das wohl beherzigt zu haben.

Was etwa geschah mit den Engeln, die einst die Dinosaurier führten? Wurden sie recycelt oder umgeschult? Nein, meint Sheldrake: Vielleicht wurden sie auf andere Planeten versetzt, wo ein "Dinosaurierengel" wieder "sinnvolle Arbeit finden" könne.