Der Vorschlag hörte sich zunächst an wie eine Kapitulation: Weil Arbeitslose sich häufig sträuben, eine Stelle anzunehmen, die niedriger dotiert ist als ihre frühere, müßte das Arbeitsamt ein Jahr lang die Differenz zwischen altem und neuem Lohn zahlen. Die Verweigerungshaltung soll also noch belohnt werden? Aus Sicht der Steuerzahler sei es naheliegend, einfach zu fordern: "Die sollen gefälligst arbeiten gehen", gibt der Duisburger Arbeitsberater Helmut Zekorn zu, von dem der Vorschlag stammt. Doch so einfach ließen sich die Zumutbarkeitskriterien in der Praxis nicht durchsetzen. Zu subtil seien die Strategien, mit denen sich Arbeitslose ungeliebten Jobs zu entziehen wüßten.

Zekorns Vorstoß löste eine hitzige Debatte im Verwaltungsausschuß des Duisburger Arbeitsamts aus. Doch schließlich stimmte das Gremium zu. Seit Anfang September werden Niedriglohnstellen, bei denen es 10 bis 15 Mark pro Stunde gibt, mit einem "Plus-Lohn" von maximal 500 Mark pro Monat bezuschußt

insgesamt darf der Nettolohn dabei 2000 Mark nicht übersteigen.

Das Angebot richtet sich an un- und angelernte Kräfte ohne Ausbildung, die über die Hälfte der 35 000 Duisburger Arbeitslosen ausmachen. Bisher waren sie nur schwer zu motivieren, einen Billigjob anzunehmen. Denn sie orientieren sich an ihren früheren Löhnen in der Montanindustrie, wo selbst Hilfsarbeiter noch relativ gut verdienten. Die neuen Duisburger Arbeitsplätze jedoch, die im Zuge des Wandels vom Stahlstandort zum Logistikzentrum entstehen, werden oft "erschreckend schlecht" bezahlt, sagt der Unternehmensberater Karl Joeres. Die Löhne, zumal für Hilfsjobs als Packer oder Lagerarbeiter, liegen häufig nur geringfügig über dem Arbeitslosengeld, das die Leute beziehen.

Joeres Firma bereitet die Erwerbslosen in einwöchigen Kursen auf das Arbeitsleben vor und hält auch nach der Job-Aufnahme den Kontakt. Soeben haben die ersten 19 Kandidaten ihr Training beendet. 11 davon wurden auf Anhieb vermittelt, nur 4 sprangen ab. Bis März nächsten Jahres sollen 240 bis 300 Langzeitarbeitslose den Kurs durchlaufen, dann wird Zwischenbilanz gezogen. Daß sich das Modell für das Arbeitsamt rechnet, davon ist Zekorn schon jetzt überzeugt. Denn je mehr Menschen dauerhaft vermittelt würden, desto weniger müsse das Amt für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ausgeben.

An Mitteln für das Projekt fehlt es nicht. Das Sozialgesetzbuch räumt den Arbeitsämtern seit Anfang des Jahres großen Spielraum bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein. 10 Prozent der sogenannten "Eingliederungstitel" dürfen sie nun frei vergeben, "um individueller auf regionale Problemsituationen zu reagieren", sagt Walter Schmitt, zuständiger Referent der Bundesanstalt für Arbeit. Bedingung ist lediglich, daß die Ideen "innovativ" sind und nicht einfach nur gesetzliche Leistungen aufgestockt werden. In Duisburg machen die 10 Prozent immerhin 17 Millionen Mark aus.

Den Gewerkschaften bereitet diese Größenordnung Unbehagen. Sie sehen die Tarifautonomie bedroht, wenn mit solchen Summen in die Lohnpolitik eingegriffen wird. Außerdem argwöhnen sie, die Arbeitgeber könnten die Zuschüsse nutzen, um die eigentlichen Löhne weiter zu senken. Nur mit Bauchgrimmen habe er daher im Verwaltungsausschuß dem "Plus-Lohn"-Modell zugestimmt, sagt der Duisburger DGB-Vorsitzende Rainer Bischoff - und mag sich in seinem Argwohn dadurch bestärkt fühlen, daß die Wirtschaft das Projekt als "sehr interessanten Versuch" lobt, wie IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Jürgen Reitzig sagt.