Dieses Buch will von Größe handeln, von Größe in der Demokratie. Es nimmt sich viel vor, denn es möchte mit Helmut Kohl als Illustrationsobjekt beweisen, daß "große Männer" nicht nur im obrigkeitsstaatlichen Denken Platz haben und Geschichte machen. Groß sei, argumentiert Patrick Bahners in den Fußstapfen des große Jacob Burckhardt, wer sich mit dem Gang der Dinge so eng verbündet hat, daß seine Absichten von den geschichtlichen Tendenzen nicht mehr zu unterscheiden sind.

Ohne Frage stecken viel richtige und geistreiche Beobachtungen in dieser Skizze eines "entgrenzten" Kanzlers, der nicht wirklich vorangeht, sich aber auch nicht groß treiben läßt. Reim dich, oder ich fress' dich! muß Bahners sich aber gesagt haben, als er das alles aufschrieb. Was auch immer Kohl anpackt, wird (das Buch ist in der Vergangenheitsform geschrieben, mit einer Zukunft des Kanzlers wird nicht gerechnet) einer inneren Logik zugeordnet.

Und es ist gut, wie es war. Das fängt an mit dem Anspruch des jungen Mannes, "der dem Ehrgeiz ein hohes Ziel und ein strenges Maß setzt" wie einst Cäsar.

Solche Seitenblicke auf wahre Größen gestattet sich der Autor übrigens in Fülle. Lieber Statthalter in Spanien als Zweiter in Rom.

So verrät der unverblümte Machtwunsch "eine Art Bescheidenheit", die sich nicht herausredet in Floskeln. Kohl macht die eine Sache ganz. Er macht Politik mit Haut und Haaren, Tag und Nacht. Ist er oberflächlich? Ja, aber das ist seine Stärke, er legt sich eben nicht fest. Tiberius Gracchus muß es bei der Landreform übrigens ähnlich gehalten haben. Schon gewußt? Selbst die berühmte Mahnung Kohls an die Adresse von Bankern, wenn Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg soviel Optimismus gezeigt habe, müsse man das von einem Bankentag mindestens auch erwarten können, "trug einen logischen Schluß von schrecklicher Schlichtheit vor". Aber, so das logische Lob, es "belegt die Geschlossenheit von Kohls Anschauungswelt".

Bahners schreibt die Geschichte im Lichte des Kohl-Erfolgs. Und er schreibt sie ohne Ironie. Irgendwie waltet die Vorsehung - der Mantel der Geschichte weht, und der Siedler Verlag setzt ein Denkmal. Manchmal denkt man beim Lesen: Helmut Kohl ist fast so groß wie Gustav Gans, der Glückspilz aus Donald-Duck-Land. Franz Josef Strauß versucht, Kohl die Kandidatur streitig zu machen? Ja, aber "lieber überließ Kohl es einem anderen Kandidaten, sein Rekordergebnis von 1976 zu verfehlen". Kohl "entschied sich, eine Weile der Zweite zu sein" - um der Erste zu bleiben, wenn man das richtig versteht.

Die ganz große Idee des Autors erklärt einfach alles. Wer den Niedergang der Repräsentation in der Ära Kohl beklagt, verkennt, "daß hinter der Demontage des Staatskunstwerks eine Absicht steckte". So besehen, war der Sinn der alljährlichen Fastenkuren des Kanzlers selbstredend "ihr Scheitern". Zuerst denkt man, es sei so ernst gar nicht gemeint, wenn es heißt, wie der Papst habe Kohl seine Kanzlerschaft als "universelles Hirtenamt" betrachtet. Aber, halt, könnte es sein, daß der Autor Opfer seines Mammutthemas - Größe und Kohl - geworden ist? Wie dem Kanzler zerfließt auch ihm alles. Er schreibt jenseits jeder Chronologie, hüpft von Biedenkopf zu Disraeli, von Geißler zu Churchill, von Sueton zu Kohl. So entsteht das Bild einer Epoche, vor dem man ganz klein wird und herumrätselt. Hat nun der "Staatsphilosoph" Luhmann den Kanzler und seine Zeit geprägt? Oder war es umgekehrt?