Seit Jahren kein Land in Sicht. Wir segeln zwischen Skylla und Charybdis. Wir streiten um die Himmelsrichtung, obwohl die Abenteuer der Geschichte längst vorüber sind. Alles Leben wird zum Text. Beim einäugigen Höhlenwesen reichte ein Sprachspiel, ein Hieb mit dem Signifikanten. Wer da? ,Niemand'. Schon war Ruhe. Seitdem es keine mehr gibt, schwärmen die Gefährten von der Zukunft.

Zukunft? Ein hölzernes Pferd. Sprachschwindel auf vier Beinen. Ob Penelope wartet? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Eher nicht."

So könnte man die Odyssee auch erzählen. Ihr Held treibt auf dem Meer der Zeit, und plötzlich flüstert eine innere Stimme vom Stillstand der Geschichte. No future. Odysseus wäre der erste Mensch der Postmoderne - und wir seine Erben. Nicht gut? Natürlich könnte man unsere Gegenwart auch später beginnen lassen. Augustinus wäre ein guter Anfang. Oder der Isenheimer Altar.

Oder die Französische Revolution. Wenn das eigene Zeitbewußtsein unscharf wird, beginnt die Odyssee durch das Felsenmeer der Geschichte. In welcher Zeit leben wir? Am Abend der Moderne? Oder in der Nacht der Postmoderne, in der alle Kühe lila sind?

Postmoderne - Eine Bilanz heißt das Doppelheft, mit dem sich die Zeitschrift Merkur den Umzug nach Berlin versüßt. Doch es ist weder Bilanz noch Abschied, sondern ein Abrißunternehmen. Wenn sich der Staub verzogen hat, wird der Wissenschaftsbetrieb nicht mehr zur Tagesordnung übergehen können. Es gibt sie nicht mehr, denn eine Gestalt des postmodernen Denkens ist alt geworden.

In dem Augenblick, wo es kulturell im letzten Herrgottswinkel seine Blüten treibt, scheint es philosophisch am Ende. Schon das Frühlingserwachen der Postmoderne sieht man heute im unfreundlichen Licht. So kann Walter Grasskamp zeigen, daß die Moderne selbst "von Beginn an ihr eigenes post histoire war".

Mit ähnlichem Befund verabschiedet Siegfried Kohlhammer die Geschichtstheorie eines Hayden White. Auch die vielgesummte Rhapsodie vom "Tod des Subjekts", so Heinrich Detering in einer bestechenden Interpretation, enthielt uneingestanden eine ethische Vorentscheidung - und zwar die, moralische Aspekte menschlicher Selbstbeziehung kleinzuhandeln. Bündig der Philosoph Martin Seel: "Wer sich die Themen der Tradition nicht anverwandeln kann, hat keinen Grund und kein Recht, von ihrer überlieferten Behandlung Abstand zu nehmen. (...) Philosophie ,nach der Postmoderne', das wäre eine, die wieder so frei wäre, Philosophie zu sein."