Taste eins, Taste sechs, Taste eins. Christiansen oder Talk im Turm? Hier die weltschwere Süssmuth, dort der lieblich lächelnde Hintze, hier der melancholische Rexrodt, dort der amüsierte Trittin? Riesters Stirnfalten oder Münteferings Colliemähne? Taste sechs, Taste eins, Taste sechs.

Es ist halb elf am Abend, in einem Hamburger Hotelzimmer läuft ein Selbstversuch. Wie reagieren Geist und Körper, wenn man am Sonntag vor der Wahl nicht eine Minute deutsche Politik im Fernsehen ausläßt? Wenn man sich anschaut, was so kommt, jede Nachrichtensendung, jede Talkrunde, jedes Porträt, jede Parteienwerbung? Ein Tag im Hotel, allein mit dem Fernseher.

Taste eins, sagt das Gewissen des Wahlbürgers. Bei Christiansen sitzen die Seriösen, die Gutmeinenden: Süssmuth, Riester, Kerstin Müller, Rexrodt, Bartsch. Sie bleiben unbeirrbar sachlich und kauen geduldig an Argumenten.

Arbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel, Inhalte, Inhalte. Die Gruppe Böhme dagegen kichert und zankt in ihrem Turm. Dort sitzen die mit allen Wassern Gewaschenen, die notorisch Polemischen, die Kampfhähne der Republik: Hintze, Müntefering, Westerwelle, Trittin. Ob sie schon einmal gelogen haben? Das ist ihr Thema im Moment, reines Spektakel. Da hört man sich doch besser Riesters Definition wahrer Reformen an. Allerdings drückt der Daumen nach kurzer Zeit irgendwie Taste sechs, und wie der Müntefering gerade seine Lügen mit der "größeren Geschwindigkeit der Informationen" erklärt, ist so köstlich, daß man schon ein bißchen verweilen möchte.

Bis dahin ist der Tag bleiern gewesen. Zum Beispiel die Sendung halb zwölf im ZDF. Zwei Medienberater, spin doctors genannt, versichern Gastgeber Eser, daß sie, ganz bestimmt, keinen Einfluß auf die Politiker haben. "Wir können eigentlich nichts machen", beteuern mit treuem Blick die Herren Boenisch und Heye. Warum dürfen Leute, die nichts machen können, im Fernsehen davon erzählen?

Anschließend spekulieren im Presseclub der ARD die Journalisten über den Ausgang der Wahl. Emotionen: null. Was einem während der Sendung einfällt, sind Bären. Die Bären kommen aus dem Winterschlaf und setzen sich zusammen.

Ihr müdes Brummen erinnert an die Behaglichkeit von Höhlen beziehungsweise Betten. Von rührender Seite zeigt sich Moderator Fuchs, als er "wenigstens ansatzweise eine Frage zu den Inhalten stellen" möchte. Darauf kann sich die Runde unmöglich einlassen.