Jena Steinigung des Präsidenten, kollektiver Selbstmord - mit allem konnte man rechnen, aber nicht mit diesem Coup von Lothar Späth. Letzten Mittwoch abend war's, hundert gramgebeugte Fans des FC Carl Zeiss Jena saßen im Clubheim und verglichen ihre ruhmreiche Geschichte mit der kläglichen Gegenwart in der Regionalliga Nordost. Präsident Lothar Kurbjuweit referierte über Spielerflucht und leere Kassen, Altstar Dieter Scheitler beschrieb Charakter und Ehre der bodenständigen Kicker von einst, und Wolfgang Hempel, der große alte Mann der Radio-DDR-Fußballreportage, orgelte in den Raum: Mir graut's vor der Zukunft!

Da pochte es energisch, die Tür flog auf, geschwinden Schritts marschierte Lothar Späth herein, der Retter von Jena. Daß die Zeiss-Stadt, einst Wirtschaftsmekka der DDR, die Wende überhaupt als Industriezentrum überstand, verdankt sie dem schwäbischen Jenoptik-Chef. Seine Residenz wurde vom dankbaren Volk Empire Späth Building getauft. Nun hielt er der Trauerversammlung eine markige Rede über den Aufbau Ost, die Wachstumsregion Thüringen und Fußball als Medium der Identifikation. Ich lasse es nicht zu, rief Späth, daß einer der traditionsreichsten deutschen Fußballvereine in der Bedeutungslosigkeit versinkt! Am morgigen Vormittag überweist Jenoptik dem FC Carl Zeiss 7,5 Millionen Mark. Außerdem habe ich schwäbische Sturmverstärkung mitgebracht. Jürgen! Kannscht reinkomme!

Abermals knarrte die Tür. Aus dem Dunkel erschien Jürgen Klinsmann. Alle waren baff. Nur der gleichmütige Charly am Tresen zapfte für die Gäste ein schönes Köstritzer. Klinsmann zwinkerte ins Licht und wirkte recht verstört.

Der Klinsi wolle zum Karriereausklang im Osten helfen, erläuterte Späth und war schon wieder fort. Klinsmann wollte ihm nach. Späth steckte nochmals den Kopf herein und gebot: Du bleibscht hier, verstande?

Erinnern wir uns: Als 1989/90 die alten Zeiten zu den neuen wurden, überkam die deutsche Einheit auch den Fußball. Der Kicker-Einigungsvertrag erkannte dem Osten zwei (von damals 20) Plätzen in der ersten Liga zu und sechs (von 24) in der zweiten. Um diese acht Plätze im Rettungsboot entbrannte im letzten DDR-Oberligaspieljahr 1990/91 ein erbittertes Geholze. Schließlich durften Hansa Rostock und Dynamo Dresden Erstligisten werden. Erfurt, Halle, Chemnitz, Jena, Leipzig und Brandenburg schafften es in die zweite Klasse.

Rostock, Erfurt, Halle und Brandenburg stiegen sofort wieder ab. Rostock gelang die Rückkehr, Halle und Brandenburg der freie Fall. Beide Vereine sind nur noch mit dem U-Boot zu finden. Erfurt, Chemnitz und Dresden siedeln fest in der Regionalliga Nordost. Am 7. Juni 1998 mußten auch Leipzig, Jena und Zwickau die zweite Liga verlassen, in der mit Energie Cottbus bloß ein Ostklub verbleibt. Und im Erstliga-Hafen ankert die Hansa-Kogge als einziges ostdeutsches Asyl.

Wie lange noch? In jedem Jahr verliert Hansa Rostock seine besten Spieler an betuchte Westvereine und versucht den Aderlaß preiswert zu kompensieren. Das geht nicht ewig gut. Rolf Schmidt-Holtz, früher Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC, äußerte mal, es wäre nicht tragisch, wenn auch noch Rostock abstiege dann würde eben Hertha (West-)Berlin zum Lieblingsklub aller ostdeutschen Fußballfreunde. In diesem einfühlsamen Stuß hat die fußballdeutsche Einheitsrhetorik endlich mal blankgezogen. Die Bundesliga ist ein Firmenverband von Wirtschaftsunternehmen. Den Westvereinen konnte an Ostkonkurrenten sowenig gelegen sein wie Opel und VW an einer selbständigen ostdeutschen Autoindustrie.