Stuttgart-Sillenbuch: eine der begehrtesten, teuersten Wohnlagen der badenwürttembergischen Landeshauptstadt, mit, wie es im Immobilienneudeutsch so schön heißt, lockerer Bebauung, viel Grün und gehobener Infrastruktur inklusive einer Filiale der örtlichen Gourmetkette. Hier wohnt der gehobene Mittelstand, junge Akademikerfamilien ebenso wie wohlsituierte Pensionäre.

Schwäbisch-traditionell und zugleich weltoffen, so sahen sich die Sillenbucher - zu denen übrigens auch der schwäbische Weltbürger, Stuttgarts Altbürgermeister Rommel, gehört -, bis eine Anzeige im Stadtteilblatt sie aufschreckte.

Wegen der Kinderfeindlichkeit einiger Hausbewohner müsse er seine Praxis verlegen, teilte der einzige Kinderarzt am Ort seiner Kundschaft lakonisch mit. Was war passiert? Zunächst etwas scheinbar Alltägliches. Ein Mietverhältnis, das nach zehn Jahren Dauer zum Oktober ausläuft, wurde von der Vermieterin nicht mehr verlängert. Das Pikante daran: Die Vermieterin hatte bereits vor neun Jahren der Hausverwaltung schriftlich zusichern müssen, den Mieter nach Ablauf des Mietvertrages vor die Tür zu setzen.

Vorangegangen war die Intervention einiger Miteigentümer des unansehnlichen Sechziger-Jahre-Wohnblocks im ansonsten schmucken Ort. Zwei Einheiten des Gebäudes seien im Grundbuch als Büro/Praxis ausgewiesen, hieß es zur Begründung. Da in einer Einheit bereits ein Gynäkologe praktiziere, müsse in der anderen der Kinderarzt seine Praxis zugunsten von Büros räumen.

Daß lange bevor der Kinderarzt Einzug hielt über Jahre hinweg die Existenz einer Zahnarztpraxis geduldet wurde, soll ebenso nur am Rande erwähnt sein wie die Tatsache, daß die inzwischen 85jährige Vermieterin gezwungen wurde, für ihren "Mißgriff" der Hausgemeinschaft jährlich 3000 Mark zu zahlen, schließlich nützten Kinder das Gebäude in besonderem Maße ab.

Ob ein derartiges Vorgehen juristisch anfechtbar ist oder nicht, der Kinderarzt will nicht länger bleiben. Inzwischen weiß er aus erster Hand, daß sich einige Bewohner, alle übrigens im Ruhestand, von der kindlichen Klientel gestört fühlen. Der wohlmeinende Trost eines Nachbarn, der Protest richte sich nicht gegen ihn persönlich, wenn er Neurologe wäre, könnte er gern weitermachen, kann aussagekräftiger nicht sein.

Der örtlich zuständige Bezirksvorsteher will die Eindeutigkeit dieser Hinweise offensichtlich nicht zur Kenntnis nehmen. Er fand zwar heraus, daß ein gewisser Druck auf die Vermieterin ausgeübt worden sei, das Mietverhältnis zu kündigen, allerdings habe nicht der Lärm von Kindern, sondern in erster Linie das falsche Parken der Praxisbesucher den Unmut der Anwohner hervorgerufen, sagt der Bezirksvorsteher. Wohl denn. Wahrscheinlich sind die Patienten eines Neurologen einfach die besseren Autofahrer.