Kultur und Kohl? Im Casting-Album für Schauspieler würde der Kanzler freilich nicht unter der Rubrik "Typischer Schöngeist" geführt werden.

Wahlkämpfe mit ihrem Zwang zur körperlichen Darstellung von Politik verstärken Klischees selbst in den Köpfen von Leuten, die sich auf ihre Unabhängigkeit vom Augenschein etwas zugute halten. So, gerade wieder, Michael Naumann mit seiner "kanzlergewordenen Unbeweglichkeit des Landes" (ZEIT Nr. 39/98). Spielten in unserem physiognomischen Repertoire die älteren Typen des Kulturmenschen, sagen wir zum Beispiel die fülligen Kurfürsten oder Fürstbischöfe der Barockzeit, noch eine Rolle, so hätte es Helmut Kohl mit der Kulturkritik leichter. Die Schlagworte von "ästhetischem Provinzialismus", von der "Sahelzone der Kultur" in der Ära Kohl wären uns vielleicht erspart geblieben. Und das wäre gut gewesen, weil die Polemik ja weniger den Regierungschef trifft als die vielen Idealisten in Ministerien und Verwaltungen, die unverdrossen für mehr Kulturförderung kämpfen - und zwar ziemlich erfolgreich.

Wer "Kohl und Kultur?" nicht als Kabarettnummer, sondern als Bilanz angeht, wird zu überraschenden Ergebnissen kommen. Für Leute mit Langzeitgedächtnis ist es nichts Neues, daß die Kohl-Jahre für jene Teile des Kulturlebens, die auf die Bundesförderung angewiesen sind, eine sehr gute Zeit gewesen sind.

Wie die kulturelle Gesamtbilanz später einmal aussehen wird, ist eine andere Sache, nicht nur, weil im Konzert des Kulturföderalismus der Bund nur einen Fünf-Prozent-Part spielt, sondern auch, weil der eigentliche Motor von Kultur, die schöpferische Leistung, sich ja allem staatlichen Einwirken entzieht.

Die öffentliche Hand kann Dach und Fach instandhalten, ermutigen und Möglichkeiten eröffnen, das ist alles. Nackte Zahlen sind deshalb aussagefähiger als eine Blütenlese aus Regierungserklärungen und Festreden (obwohl Kohls Texte zu Kunst und Kultur eine liebevollere Edition verdienten als das beim Bundespresseamt erhältliche Heftchen). Seit 1983 haben sich die Kulturfördermittel des Bundes im Inland mehr als verdreifacht. Kein anderer Einzeletat des Bundeshaushalts weist eine vergleichbare Steigerung auf. Das ist kein Zufall und auch kein allgemeiner Trend. Es hat vielmehr damit zu tun, daß 1982 ein Politiker ins Kanzleramt kam, der in Rheinland-Pfalz ein ausgiebiges kulturpolitisches Training hinter sich hatte. Die Rettung des Bahnhofs Rolandseck 1967, die Sicherung des Slevogt-Nachlasses, die Chagall-Fenster für St. Stephan in Mainz: Wer Kohls Kulturspuren als Landesvater nachginge, stieße auf ein reges, von keiner abstrakten Systematik gelenktes, immer aus persönlicher Begegnung rührendes Handeln. Joseph Beuys begeisterte Kohl für seine Reform der Kunstausbildung: "Vernünftiger und einleuchtender hat noch selten ein Künstler mit mir gesprochen" (Kohl).

Daß der Kanzler dann nicht Zukunftsakademien gründete, sondern eine Welle von Museumsgründungen anstieß, ergab sich logisch aus dem legitimen Wirkungsfeld, das er ab 1983 hatte. Kulturpolitik des Bundes durfte sich nur dort entfalten, wo die gemeinsame Geschichte und die Hauptstadtfunktionen den Titel "gesamtstaatliche Repräsentation" hergaben. Bin ich parteiisch, wenn ich die Bundeskunsthalle, das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und das Deutsche Historische Museum Institutionen nenne, welche nicht nur unsere, sondern auch die europäische Kulturszene auf erstaunliche, unerwartete Weise bereichert haben?

Die Bundeskunsthalle und das Deutsche Historische Museum haben in nicht einmal einem Jahrzehnt ein dichtes Netz von Kulturbeziehungen zu den europäischen Nachbarländern gewebt. Das Bonner Haus der Geschichte ist sofort eine bienenfleißige Werkstatt nüchterner Demokratiepädagogik geworden. Kohl hat die Häuser nicht konzipiert, nicht dreingeredet, hat alles Programmatische und Personelle politisch neutralen Gremien überlassen. Aber hat in Parlament und Ministerien ein Klima der Sympathie für Kulturziele erzeugt, in dem das Neue gedeihen konnte. Ähnliches gilt für die Gründung des Berliner Hauses der Kulturen der Welt. Die Milliarden der "Substanzerhaltung" in den neuen Bundesländern, die Idee der dauerhaft vom Bund mitfinanzierten "Leuchttürme" wie Bauhaus und Wörlitz, die Rettung der Länderfinanzierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - die Liste könnte lang fortgesetzt werden.