Der Balkan bleibt die Achillesferse des Westens. Albanien droht im Chaos zu versinken. Im Kosovo, wo eine Viertelmillion Flüchtlinge umherirren, naht ein harscher Winter. Und in Bosnien aber verflüchtigt sich der Traum von einem versöhnten Land.

Zum zweitenmal seit dem Ende des Krieges im Dezember 1995 haben die Bosnier jetzt gewählt. Dabei hat sich die Hoffnung nicht erfüllt, nach den extremen Ethno-Nationalisten würden nun gemäßigte Politiker den Sieg davontragen

im Gegenteil. Genaues ist noch nicht bekannt. Die Wahl war so schlampig organisiert, daß eine Nachauszählung notwendig wurde. Sie läuft noch immer.

Die Frage ist: Läßt sich das Dayton-Abkommen überhaupt retten? Bis heute ruht der Frieden auf den Bajonetten der internationalen Interventionstruppe, der Wiederaufbau des verwüsteten Landes auf erklecklichen westlichen Hilfszahlungen (fünf Milliarden Doller seit 1996). Fortschritte in Richtung Einheit hat es gegeben, aber sie mußten den drei Volksgruppen alle von außen aufgezwungen werden: gemeinsame Pässe, Autokennzeichen, Flagge und Wappen, schließlich die einheitliche Währung. Der ethno-nationale Würgegriff hat sich nicht gelockert. Das Wahlergebnis schafft mehr Probleme, als es löst.

Clintons Nabelschau hin, deutsche Wahlkampfsorgen her - der Westen wird sich bald entscheiden müssen. Entweder er bricht die bosnische Bergungsaktion ab, zieht das Nato-Expeditionskorps zurück und läßt die Teilung des Landes, sogar den Anschluß eines Teils an Kroatien, eines anderen an Serbien zu, wobei ein muslimischer Ministaat in Zentralbosnien erhalten bliebe. Oder er errichtet ein regelrechtes Protektorat über Bosnien und nimmt dort die Dinge in die Hand - wie in Deutschland während der Besatzungszeit nach dem Kriege.

Vielleicht wäre ein Gebietsaustausch denkbar, der das Kosovo-Problem entschärft: Serbien erhält die Republika Srpska und entläßt dafür den Kosovo in eine gleichberechtigte Autonomie innerhalb Jugoslawiens?

Die Alternative wäre wohl eine westliche Intervention im Kosovo. Auf dem Balkan naht die Stunde der Wahrheit.