Ihre ZEIT hat mein Buch nicht rezensiert", knurrte er, als ich ihn Ende der siebziger Jahre bei gemeinsamen Freunden kennenlernte. Bei aller Vertrautheit, die sich im Laufe der Jahre zwischen uns entwickelte, blieb ich für Stefan Heym die Vertreterin einer Zeitung, die seine Bücher nicht prompt genug rezensierte.

Seit 1952 lebt er in Grünau, einer Siedlung im südöstlichen Berlin, die Ministerpräsident Grotewohl hatte anlegen lassen: Hier sollten Schriftsteller, Schauspieler und Professoren in Harmonie miteinander leben.

Doch da manche von ihnen aus der Emigration im Westen kamen, andere aus dem Ostexil, beäugte man einander anfangs eher mißtrauisch. Später zogen andere hinzu. Noch heute ist Stefan Heyms direkter Nachbar jener Mann, der ihn im Auftrag der Stasi jahrzehntelang bespitzelte. Er weigert sich bis heute, mit den Heyms zu reden. "Nimmt mir wohl übel, daß ich geholfen habe, die DDR zu stürzen", mutmaßt Stefan Heym.

Unser Spaziergang führt durch die Siedlung. Der 85jährige klemmt sich den Stock hinter den Rücken und läuft so schnell, daß seine Frau und ich ihm kaum folgen können. "Bühnenbildner wohnen hier, ein Komponist, der Chef der Staatsbibliothek, ein Indologe. Die DDR wollte von Indien anerkannt werden, nannte deshalb unsere Straße Tagorestraße, und da sagte jener Indologe zum Bürgermeister: Es gibt drei Brüder Tagore. Die könne man verwechseln, wenn man nicht deutlich mache, welchen man meint. Deshalb heißt die Straße Rabindranath Tagore, und alle Pförtner von Hotels, in denen ich je einkehrte, mußten ,Rabindranath Tagore' in ihre Bücher schreiben", freut sich Heym.

Wir reden über sein Leben. Fast 70 Jahre ist es her, da flog der Gymnasiast, damals hieß er noch Helmut Flieg, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, von der Schule in Chemnitz wegen eines Gedichts gegen die Reichswehr. In Nachruf, Heyms Autobiographie, beschreibt er, wie die Mitschüler ihn, das jüdische und etwas linkische Kind, beiseite schoben, wieviel bedrohlichen Haß er durch das Gedicht auslöste. Damals sagte er sich: "Nur ja nicht diesen noch mal in die Hände fallen, und daraus resultierend ... die Überzeugung, sich selbst immer wieder zu beweisen, daß man sehr wohl imstande ist, einer feindseligen Masse gegenüberzutreten, einer Übermacht Paroli zu bieten."

Er ist sich stets treu geblieben. Und trotz aller widrigen Erfahrungen im real existierenden Sozialismus hängt er an der Utopie, dem Baby Sozialismus, wie er es mal genannt hat, das schielt, O-Beine hat und Grind auf dem Kopf.

Und das man deshalb nicht umbringen dürfe. Die Möglichkeit eines Sozialismus besteht für ihn so lange, wie der Kapitalismus so ist, wie er ist. "Es muß irgendwas anderes kommen. Es sei denn, daß alles ganz rabiat kurz und klein geschlagen wird und nichts mehr da sein wird. Es muß eine Weltordnung geschaffen werden - das meine ich ganz ernsthaft -, in der nicht mehr der Ellbogen, sondern der Kopf und das Herz die wichtigsten Organe des Menschen sein werden." Ich finde, daß er das schön formuliert habe. "Das habe ich Ihnen gegeben, damit Sie es zitieren."