die zeit: Brüssels Nothilfeprogramm Echo, das Menschen in Afrika oder Bosnien beistehen soll, ist in Verruf geraten: Millionen versickerten in Scheinverträgen, mindestens eine Million Mark wurde unterschlagen, Beweise werden vernichtet. Ist die EU-Bürokratie außer Kontrolle?

detlev samland: Was bei Echo passiert ist, wird es auch bei anderen EU-Programmen geben: daß Menschen sich illegal bereichern. Oder daß Beamte anderen Leuten trickreich Geld und lukrative Verträge zuschieben, für die keine Leistung erbracht wird. Echo ist sicher nur die Spitze eines Eisbergs.

zeit: Echo verwaltete jährlich etwa 1,4 Milliarden Mark. Bei Programmen für Mittel- und Osteuropa oder auch für den Mittelmeerraum stehen noch viel größere Summen auf dem Spiel.

Samland: Da kommt das garantiert auch vor, denn das Problem ist dasselbe: Wenige Menschen verwalten sehr viel Geld. Also ist der Anreiz zum Betrug fast schon normal. Und schärfer kontrollieren können wir nur, wenn man in Afrika, in Bosnien oder Rußland direkt vor Ort prüft - das geht aber kaum. Die EU-Kommission hat jetzt offenbart: Wenn, wie bei Echo, nur 60 Menschen rund 1,4 Milliarden Mark verwalten, ist Betrug nie auszuschließen.

zeit: Ist Brüssel besonders anfällig für Schlamperei und Betrug?

Samland: Nein. 84 Prozent aller EU-Mittel werden von den Mitgliedsstaaten abgewickelt, nur 16 Prozent fließen direkt aus Brüssel. Und Analysen des Europäischen Rechnungshofes beweisen: Betrug und Verschwendung sind überall gleich, Brüssel steht nicht schlechter da als Bonn oder Paris.

zeit: Nur hat der Betrug in Brüssel System: Jahrelang wurden Hilfsgelder in die Taschen teurer Consultants geschleust. Im EU-Jargon hieß das "U-Boote" finanzieren.