Mitten im Wald, wo andere sich hoffnungslos verlaufen würden, geht Rainer durchs Unterholz, als folgte er einer gut ausgeschilderten Straße. Für Menschen, die beim Anblick der Geometrie eines Stadtparks schon heftige Naturverbundenheit übermannt, ist das eine fremde und vergessene Welt: Hier erschweren Wurzeln und Schlingpflanzen den Weg. Diese Hindernisse kann man übersehen, sagt Rainer Konietschke - wie die Politik. Darüber stolpern wird man doch irgendwann.

Für Politik hat sich der 23jährige lange nicht interessiert. "Bewußt habe ich den Kohl erst vor fünf Jahren wahrgenommen." Denn Kohl war, als Rainer sich die ersten Platten und Jeans kaufte und Mädchen interessant wurden, schon immer da. "Es ging mir wie den meisten in meinem Alter", sagt er und weiß, daß das so klingt, als spreche er über seine Großeltern und nicht von der Generation der Anfang Zwanzigjährigen: "Solange alles einigermaßen lief, machte man sich auch keine Gedanken über Politik."

Aber dann war die Schule vorbei, Kohl hatte gerade wieder einmal die Wahl gewonnen. Rainer machte Zivildienst, begann vor drei Jahren zu studieren, zog nach München - Kohl war ihm inzwischen so vertraut wie ein guter Nachbar oder Mutter Beimer aus der Lindenstraße. "Die ganze Politik ist doch so unbeweglich, vorgeschrieben und aufgeblasen wie ein schlechtes Theaterstück", dachte er sich. Und in dem Bewußtsein, daß er da keine Rolle spielen würde, sah er seine eigene Lebensgestaltung als die einzig relevante Frage an.

Rainer ist 30 Kilometer entfernt von München aufgewachsen, wo die Kuhwiesen beginnen und die CSU-Plakate, je weiter man sich von der Stadt entfernt, immer häufiger werden. Seine Kindheit verlief ruhig und glücklich. Mit der Gewißheit, daß es so weitergehen würde, entschied er sich, Maschinenbau zu studieren. Das war eine sichere Sache.

Anfangs fuhr er noch mit der S-Bahn in die Stadt, bis er ein Zimmer im Studentenwohnheim bekam. "Als Kind kannte ich den Unterschied zwischen ,drinnen' und ,draußen' nicht. Nach der Schule ging ich immer ins Freie zum Spielen." Nun existierte der Unterschied plötzlich in einem zwei Autolängen großen Abstand zwischen den in den siebziger Jahren errichteten Wohnblocks der "Studentenstadt" am Münchner Olympiagelände.

Nach den ersten zwei Semestern merkte er, daß ihm das gerade erst begonnene Studentenleben in der Stadt, dieses langsame, aber doch unaufhaltsame Einfügen in die Gesellschaft, schnell zu eng wurde. "Die meisten, die Maschinenbau studieren, wollen danach einfach einen guten Job." Das wollte er auch. Aber Rainer hatte sich vor dem Abitur einen Ort voller Träume aufgebaut: sein eigenes Baumhaus, 15 Meter über dem Boden schwebend. "Du studierst 10 Semester, lernst eine Germanistikstudentin kennen, machst ein sehr gutes Hauptdiplom, und dann landest du bei BMW." Die Erfahrungen im Baumhaus, in dem er und sein bester Freund oft Stunden verbrachten, widersprachen dieser linearen Entwicklung.

Nach einem zwanzigminütigen, abenteuerlichen Weg kommt Rainer zu einer Birkenlichtung. Er geht zielstrebig auf die einzige alte Fichte zu, steigt auf den Knorren der Rinde in Richtung Himmel, klettert über die Äste weiter nach oben und verschwindet dann vollends in der Dunkelheit der Zweige.