Seltsame Gegenstände - oder sind es Wesen? - sprießen aus dem Fußboden des Tanzsaalfoyers. Entgegen einer ersten, oberflächlichen Wahrnehmung handelt es sich dabei nicht um außerirdische Pilze, sondern um Turnschuhe der jüngsten Generation, zurückgelassen von ihren Bewohnern, die sich für den Augenblick dem Ledersohlendiktat des Parketts unterworfen haben.

Rainer Voß soll ihnen einige Rituale der westlichen Zivilisation nahebringen, den Disco-Fox zum Beispiel, oder die Anzahl von Verbeugungen, die ein Herr machen muß, um eine Dame, die sich in Begleitung eines anderen Herrn befindet, formgerecht zum Tanzen aufzufordern. Herr Voß ist Assistenztanzlehrer in der ältesten Kieler Tanzschule, Gemind, ein dunkelblonder Hüne von 25 Jahren mit einem glatten Jungengesicht. Ihn zu siezen schiene nicht formgerecht, und er läßt diesbezügliche Bedenken gar nicht erst aufkommen: "Muß ich dich siezen, oder darf ich Sie duzen?" fragt er Neuankömmlinge. Alles klar. Also: Rainer.

Seine Schüler sind durchaus bereit, sich auf Umgangsformen einzulassen, deren tieferer Sinn sich ihnen nicht auf den ersten Blick erschließt. Aber Spaß wollen sie dabei haben, bitte schön. So gehört es zu Rainers Aufgaben, in den Kursen für muntere Stimmung zu sorgen, zu jedem Zeitpunkt, egal ob gerade Auseinandersetzungen mit den Kollegen schwelen, ob seine Freundin ihn sitzengelassen hat oder einige Klempner in der neuen Wohnung unbeaufsichtigt an den Abflußrohren herumsägen.

Rainer ist eine hochtalentierte Stimmungskanone, und als er diese Begabung an sich entdeckte, war das Grund genug für ihn, nach der Gesellenprüfung zum Industrieelektroniker die schlechtbezahlte, kraftraubende, zeitintensive und staatlich nicht anerkannte Ausbildung zum Tanzlehrer zu beginnen. Es scheint ihm Lohn genug, wenn das Publikum, besonders das weibliche, seine Scherze mit fröhlichem Quieken quittiert, und im Interesse der guten Sache schreckt er vor keinem Witz zurück: "So, all-die-Mädels, die noch keinen Partner haben, klatschen jetzt bitte ab - wieso sag' ich eigentlich immer Aldi? Es gibt doch auch andere schöne Supermärkte ..." Heiterkeit. Und jetzt bitte Cha-Cha-Cha!

Rainers Leben kreist um die Tanzschule, schon weil die Arbeitszeiten - sechs Tage in der Woche, von 15 bis 23 Uhr - gewöhnliche Hobbys und enge Freundschaften fast unmöglich machen. Das hat unerfreuliche Folgen fürs Privatleben. Mit Schülerinnen anzubandeln widerspricht den Berufsgrundsätzen des Tanzlehrers. Sagt Rainer. Jedenfalls im Prinzip. Darum muß die Suche nach einer Lebensgefährtin, an der ihm so gelegen wäre, auf die eigenen, seltenen Discobesuche verlagert werden. Da braucht es Strategien, wenn man - der Nimbus des Kursleiters zieht hier nicht - auf fremdem Parkett erfolgreich sein will. "Du kannst zum Beispiel ein Mädel den Abend über öfter ansehen.

Dann mußt du hingehen und sagen: ,Dir müssen ja die Füße weh tun'", sagt Rainer. Und dann? "Dann hoffst du, daß sie fragt: ,Warum?'. Dann kannst du antworten: ,Na, du bist mir den ganzen Abend im Kopf herumgegangen.'" Und das funktioniert? "Manchmal."

Bisweilen kommt ihm sein Leben ein wenig sehr eng vor, das chronisch fröhliche Kollegenteam, die abgezählten Mußestunden. Trotzdem wünscht er sich seine alte Arbeit nicht zurück. Bis vor ein paar Wochen hat Rainer sogar in der Tanzschule gehaust, unterm Dach, und auch an freien Abenden drangen die Discorhythmen durch alle Wände an sein Ohr. Jetzt ist er umgezogen, in eine eigene Wohnung. Zu Hause läuft Viva. Oder MTV. Man müsse auch mal abschalten, sagt er.