Helmut Holter, der Landesvorsitzende der PDS in Mecklenburg-Vorpommern, greift zu gewichtigen Worten. Seine Partei stehe vor "großen historischen Herausforderungen", sagt er und meint damit die Zeit nach dem 27. September.

Gleichzeitig mit dem Bundestag wird am kommenden Sonntag der neue Schweriner Landtag gewählt es ist möglich, daß die jetzige Große Koalition im Land dann von einem SPD/PDS-Bündnis abgelöst wird. Holter ist "klar dafür", daß die PDS in eine Regierung eintritt, doch sein Kurs ist innerhalb der Landespartei umstritten. Kaum verhohlen macht die Berliner PDS-Zentrale Druck auf die Genossen an der Küste. Für die Gesamtpartei wäre eine Regierungsbeteiligung ein strategisch wichtiger Schritt. Seit sich die Reformer vor vier Jahren in der Partei endgültig durchsetzten, arbeiten sie daran, die PDS als bundesweite sozialistische Partei links von der SPD zu positionieren. Nachdem die PDS seit 1990 in den ostdeutschen Landtagen zunächst als Opposition gearbeitet hat, kam 1994 die Tolerierung einer SPD-Minderheitsregierung in Sachsen-Anhalt. In der PDS-Hochburg Mecklenburg - 20 Prozent sind prognostiziert - müßte es jetzt schon etwas mehr sein, am liebsten drei Ministersessel, mindestens aber ein förmlicher Tolerierungsvertrag.

Der Druck auf den Landesverband wird weiter zunehmen, wenn die PDS am Sonntag den Wiedereinzug in den Bundestag verpaßt. In diesem Falle drohe der PDS, daß sie endgültig "auf den Status einer Regionalpartei zurückgeworfen" werde, sagt Parteivordenker André Brie. Eine Regierungsbeteiligung in Schwerin, "so kompliziert sie auch wäre", sei dann erst recht unerläßlich, um die "Politikfähigkeit der PDS" zu beweisen. Nicht zu unterschätzen sind die praktischen Nebeneffekte: Die Partei bekäme erstmals Einfluß auf den Bundesrat und über diesen Umweg auch wieder Rederecht im Bundestag.

Seit dem Sommer bereitet sich die PDS darauf vor. Eine Verhandlungsdelegation wurde gebildet, Forderungen zusammengetragen: mehr Sozialwohnungen zum Beispiel und ein separater öffentlich geförderter Beschäftigungssektor die Abschaffung des Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, die Streichung des Religionsunterrichts "als ordentliches Lernfach" und eine ideologisch korrekte Ausrichtung der Kulturförderung. PDS-Landeschef Holter beschwichtigt: "Das ist erst ein Konglomerat von Einzelmeinungen."

Holter, der von 1985 bis 1987 an der Moskauer Parteihochschule studierte und jahrelang als SED-Apparatschik arbeitete, wird in Schwerin bereits als Sozialminister gehandelt. Über sein Verhältnis zum wahrscheinlichen SPD-Ministerpräsidenten Harald Ringstorff sagt der 45jährige: "Wir haben einen guten Draht."

Holter gehört zur Riege der hoffnungsvollen Nachwuchspolitiker in der PDS, ebenso der sachsen-anhaltische Spitzenkandidat zur Bundestagswahl, Roland Claus, und Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Nach dem Jahr 2000 könnten sie das Ruder übernehmen und den Kurs der reformerischen "Dreierbande" (Gysi, Brie und Parteichef Lothar Bisky) an der jetzigen PDS-Spitze fortsetzen. Sie haben die SED-Nachfolgepartei in einer Art verändert, die 1990 undenkbar schien. Auch über die kommunalen Verantwortungsträger - die PDS stellt in rund 200 ostdeutschen Kommunen den Bürgermeister, verfügt über rund 1300 Mandate in Gemeinderäten - kam Pragmatismus in die Partei. Diesen Genossen sind Kindergartenplätze wichtiger als die "Überwindung des kapitalistischen Systems".

Doch zwischen den reformerischen Funktionären und den knapp 100 000 Parteimitgliedern klafft eine tiefe Lücke. In den "Basisorganisationen" herrschen die Rentner. Die aktivste der vielen PDS-Arbeitsgemeinschaften ist die AG Senioren. Etwa zwei Drittel der Mitglieder sind über 60 Jahre alt, nur zwei Prozent jünger als 30. Die Massenbasis der PDS stirbt buchstäblich weg.