Die Diskussion über den Kommunismus wird derzeit zu stark auf die Frage des Terrors eingeengt. Terror war kommunistischen Diktaturen immanent, aber sie lassen sich nicht darauf reduzieren. Aus der Errechnung globaler Opferzahlen ergibt sich noch keine Analyse.

Jerzy Holzers wichtige Untersuchung des europäischen Kommunismus geht von einem fruchtbareren Ansatz aus. Mit Recht behandelt er außer dem Herrschaftssystem auch die politische Bewegung des Kommunismus. Nur so wird verständlich, wie aus einer radikalen sozialen Bewegung terroristische Regime entstehen konnten. Der Autor befaßt sich mit der Entstehungsgeschichte (er verweist auf den oft unterschätzten Schock des Ersten Weltkrieges) sowie mit den Rahmenbedingungen, in denen der Kommunismus wirkte. Er analysiert kritisch den Stalinismus, die Jahre des Terrors, vor allem aber die kommunistischen Herrschaftssysteme nach dem Zweiten Weltkrieg. Es kommt ihm darauf an, den ständigen Legitimationsverlust des Kommunismus nachzuweisen.

Ebenso beschreibt er, welchen Einfluß der Kalte Krieg hatte.

Besonders einprägsam sind jene Teile des Buches, die sich mit dem polnischen Kommunismus befassen, schließlich hat der Autor als oppositioneller Wissenschaftler direkte Erfahrungen mit diesem System gemacht. Holzer zeigt, wie die Bewegung durch das Herrschaftssystem, die Diktatur, diskreditiert wurde, und er geht auf die Gründe des Untergangs des Kommunismus ein.

Bemerkenswert seine Schlußfolgerung, daß vom Kommunismus als Bewegung wie als Herrschaftssystem letztlich nur "der Traum einer gerechten und vernünftigen Welt" übriggeblieben sei. Dem Buch sind viele Leser zu wünschen.

* Jerzy Holzer: Der Kommunismus in Europa Politische Bewegung und Herrschaftssystem (Eu- ropäische Geschichte, Hrsg. W. Benz)

Fischer Taschen- buch Verlag, Frankfurt/M. 1998