Der Geist wühlt, wo er will. Kein Wunder: Schon Shakespeare wußte, daß der Geist ein alter Maulwurf ist (Hamlet I, 5). In Hegels System dagegen war für Pelzgetier kein Platz. Das konnte nicht gutgehen. Wer den Maulwurf nicht ehrt, ist des Geistes nicht wert. Daher hat Udo Dickenberger die Philosophie des Maulwurfs (Reclam, Leipzig

154 S., 19,- DM) zutage gefördert und damit einen großen Wurf gelandet: das Standardwerk zur spekulativen Maulwurfforschung, deren Ausgangspunkt die Einsicht ist, daß wir nur "Maulwürfe auf dem Rücken von Maulwürfen" sind.

Respektlos zwingt Dickenberger Dichter und Denker in Grund und Boden, um sich dann mit leichter Hand durchs subterrane Geistesleben zu schaufeln.

Verständlich, daß er dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt. Kein bedeutender Maulwurf ist dem Autor entgangen, und welche Freude, mit Nietzsche als "Umerder aller Erde" ein Prachtexemplar anzutreffen. Das hier versammelte Material wird ganze Akademikergenerationen mit Promotionsthemen versorgen, die Kontroverse über "Das Fugen-s in Maulwurfkomposita" hat schon begonnen.

Tiefschürfend und untergründig zeigt sich der Maulwurf deutschem Geiste wesensverwandt. Ganz selten wagt er sich in lichte Höhen. "Das Höhlengleichnis / ihm wird's Ereignis", hätte weiland Goethe trefflich gereimt, wäre ihm der Maulwurf auch nur einen Vers wert gewesen. Auch Dickenberger hütet sich bei seinen "unzeitgemäßen Wühlarbeiten", den grauen Graber zur Lichtgestalt zu verklären, der emsig subversiv eine blühende Landschaft nach der anderen unterwandert. Taugt der Maulwurf damit zum "Leitbild für unsere konfuse Zeit"? Die Frage stellen heißt sie bejahen.

Hegel liegt am Boden, aber der Weltgeist ist unter uns.