Das Frühjahr 1998 wird dem französischen Elektrizitätskonzern EdF wohl in schlechter Erinnerung bleiben. Erst eine spektakuläre Panne im Kühlsystem des nagelneuen Reaktors vom Typ N4: In wenigen Stunden entweichen 300 Kubikmeter Wasser. Civaux (bei Poitiers) und die baugleiche Anlage von Chooz im Norden, zusammen drei Reaktoren mit 4200 Megawatt Kapazität, müssen vom Netz genommen werden. Kurz darauf zwingt eine unzulässig hohe Leckrate im Containment-Becken, das knapp zwölf Jahre alte Atomkraftwerk von Belleville-sur-Loire (zwei Reaktoren, 2600 MW) abzuschalten. Die Betonhülle, die Mensch und Umwelt vor austretender Radioaktivität schützen soll, ist "vorzeitig gealtert", wie die Sicherheitsbehörde bekanntgibt.

Bei den sommerlichen Reparaturversuchen hat sich weder das eine noch das andere Problem zur allgemeinen Zufriedenheit der Verantwortlichen gelöst.

Civaux und Chooz bleiben vorerst abgeschaltet. Noch ist nicht abzusehen, was dies für die modernste Baureihe der französischen Atomreaktoren bedeutet. Im August hat EdF wissen lassen, der Ausfall der beiden Kraftwerke bringe den Konzern kurzfristig nicht in Verlegenheit. Für diesen Winter habe man ohnehin noch nicht mit der vollen Kapazität gerechnet.

Bei dem Reaktor in Belleville sind die Schwierigkeiten nicht nur technisch und wirtschaftlich, sondern auch politisch. Die Sicherheitsbehörde, die eine neue Betriebsgenehmigung erteilen muß, untersteht zwei Ministerien: Das grün verwaltete Umweltministerium will ein Wiedereinschalten auf keinen Fall erlauben, solange der Betonmantel nicht kräftig verstärkt worden ist und die Grenzwerte bei der Leckrate wieder unterschritten werden. Das Industrieministerium, das dem Finanzministerium untergeordnet ist, strebt einen vorübergehenden Betrieb in diesem Winter und gründliche Renovierungsarbeiten erst nach der Heizsaison an

in Frankreich sind viele Haushalte mit Stromheizungen ausgestattet.

Der Streit zwischen Umwelt- und Industrieministerium geht sogar so weit, daß die Entscheidung dem Premierminister zugewiesen worden ist. Den ursprünglich festgesetzten Termin für sein Verdikt hat er aber erst einmal verstreichen lassen.

Bei einer installierten Leistung von insgesamt 61 500 MW in Atomkraftwerken ist der Ausfall der drei Kraftwerke nicht dramatisch, aber spürbar. Wenn neben Chooz und Civaux auch Belleville ausgeschaltet bleibt, müßte die exportstarke EdF Elektrizität in den Nachbarländern zukaufen oder eine - teure - Ersatzproduktion mit Hilfe von thermischen Kraftwerken in Gang setzen. 450 Millionen Mark würde es einer ersten Rechnung zufolge kosten, wenn Belleville für ein ganzes Jahr ausgeschaltet bliebe.