Die Schweizer sind genervt. Unaufhörlich rumpeln Lastwagenkonvois durch das Transitland, verpesten die Luft, verärgern Feriengäste und verstopfen die Straßen. Bis zum Jahr 2015, so ein Szenario des Berner Verkehrsministeriums, könnte sich der Gütertransport noch verdoppeln - 22 Millionen Tonnen jährlich würden dann auf der Straße bewegt. "Schon heute rollen täglich 4300 Schwertransporte allein über die Gotthardstrecke", stöhnt Stephan Appenzeller, Koordinator des Komitees für eine gerechte Schwerverkehrsabgabe, in dem Umweltschützer und Gewerkschafter organisiert sind, "auf unseren Alpenstrecken zusammengenommen sind die Lastzüge im 15-Sekunden-Takt unterwegs." Gemeinsam mit der Regierung wollen die Naturfreunde jetzt die Trucker ausbremsen.

Am Sonntag, dem 27. September, fällt die Entscheidung: Nach einer erbitterten nationalen Debatte stimmen die Schweizer dann über die Leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) ab. Je nach Gewicht, so der Vorschlag der Regierung, sollen für Lkw bis zu 3 Rappen pro gefahrenen Kilometer entrichtet werden. Während bislang die Nord-Süd-Fahrt durch die Schweiz zum pauschalen Discountpreis von 25 Franken zu haben ist, müßten die Spediteure vom Jahr 2005 an bis zu 325 Franken hinblättern. Laut Demoskopie will eine knappe Mehrheit der Schweizer den Wegezoll annehmen: Die Trucker hat das große Zittern erfaßt.

Die LSVA-Befürworter argumentieren mit dem Verursacherprinzip. Die Brummis, so machen sie ihre Rechnung auf, richteten Schäden von mehr als einer Milliarde Franken pro Jahr an: angefangen bei ruinierten Straßen über Gebäudeschäden bis zur Behandlung von Atemwegserkrankungen. "Die Schwerverkehrsabgabe bringt die nötige Korrektur. Wer viel fährt und der Umwelt schadet, bezahlt auch mehr", meint Appenzeller. "Die Abgabe wird schrittweise und schonend eingeführt. Sie läßt dem Transportgewerbe Zeit, sich auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen."

Mit dem Tribut will Verkehrsminister Moritz Leuenberger die Lkw auf die Schiene zwingen. Dazu sollen bis zum Jahr 2005 zwei lange Tunnel durch die Schweizer Alpen gebohrt werden. Die Huckepackfahrt würde die Speditionen weniger kosten als die Abgabe, erklärt Leuenberger. Die marode Schweizer Bahn kann ihre Waggons aber nur dann umrüsten, wenn sie die nötigen Mittel überwiesen bekommt - aus der Schwerverkehrsabgabe. Daß ausländische Transportunternehmen via Maut rund eine halbe Milliarde Franken jährlich beisteuern, paßt Leuenberger gut ins Konzept. Und auch den Wählern leuchtet das ein.

Das Verkehrsministerium rechnet mit einem jährlichen Erlös von 1,5 Milliarden Franken, die dann in die Verkehrsinfrastruktur fließen. Falls die Schweizer der Abgabe aber eine Abfuhr erteilen, so droht er, müßten "die Modernisierung der Bahn und der gesetzlich verankerte Lärmschutz durch Steuergelder finanziert werden".

Wenn es an den eigenen Geldbeutel geht, reagieren die Schweizer gereizt. Das haben auch die Brummi-Lobbyisten begriffen, die mit Kosten in Höhe von 100 000 Franken pro Lkw rechnen. So erschrecken sie die Eidgenossen damit, daß sich die Bürger auf eine Belastung von 500 Franken pro Haushalt und pro Jahr gefaßt machen müßten - weil die Transportkosten auf die Verbraucher abgewälzt würden. Für die Umwelt sei die Abgabe obendrein gefährlich, weil "Güter anstatt mit Lastwagen vermehrt mit den ökologisch weniger sinnvollen Lieferwagen transportiert werden. Denn die bezahlen keine LSVA-Steuer und dürfen auch nachts und sonntags fahren." Doch davon lassen sich die Schweizer nicht beeindrucken. "Die Finanz- und Konsumentenargumente haben wenig überzeugt", erklärt der Generalsekretär der Schweizer Sozialdemokraten, Jean François Steiert, ein Befürworter der Abgabe, "jetzt soll Europa als Feindbild aufgebaut werden."

Um die Bevölkerung gegen die Abgabe einzuschwören, setzen die LSVA-Gegner jetzt auf Christoph Blocher, Abgeordneter der Schweizerischen Volkspartei und erklärter Europafeind. Dessen Behauptung: Wer für die Maut stimmt, verkaufe die Schweiz an die EU. Denn Bern und Brüssel ringen seit langem um ein Abkommen, das ihre Beziehungen regelt - und in dem die Verkehrsfrage eine zentrale Rolle spielt. Das Interesse der Europäer: Sie wollen in Zukunft auch mit 40-Tonnen-Lkw die Alpen überqueren