Unbeachteter Absturz

Marcos Lima, Chef der chilenischen Kupfergesellschaft Codelco, sucht sein Heil in steigenden Produktionszahlen. Codelco ist nicht nur einer der größten Kupferlieferanten der Welt, sondern zugleich einer der wichtigsten Devisenbringer Chiles. Und das Land ist wegen der Gefahr, in den Strudel der Finanz- und Währungsturbulenzen gerissen zu werden, auf jeden Dollar aus den Kupferexporten angewiesen. Doch Lima und seine mineros können den Wettlauf mit sinkenden Preisen kaum gewinnen - je mehr Kupfer auf den Weltmarkt geworfen wird, desto stärker geraten die Preise unter Druck.

Die Kalkulation des Managers könnte überhaupt nur aufgehen, wenn völlig überraschend ein Wirtschaftsboom in Nordamerika und Europa die Nachfrage anheizen würde. Gleichzeitig müßten außerdem noch mehr Konkurrenten als bisher ihre Kupferproduktion aufgeben, damit das Angebot auf dem Weltmarkt knapper wird. Viele Minen, vor allem in Afrika, wurden schon geschlossen, weil sie wegen des Preisverfalls nur noch Verluste brachten.

Wie den Kupfererzeugern geht es auch den Verkäufern fast aller anderen Rohstoffe, seien es Metalle wie Aluminium oder Zink, Agrarerzeugnisse wie Getreide, Zucker, Soja, Kaffee, Wolle, Kautschuk, Holz oder - für die Weltwirtschaft mit Abstand am wichtigsten - Erdöl und Erdgas.

Seit dem Ausbruch der Asienkrise sind die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt regelrecht zusammengebrochen. In Jahresfrist sank der vom Hamburger HWWA-Institut für Weltwirtschaftsforschung errechnete Preisindex für Rohstoffe um fast 25 Prozent (siehe Grafik). Rohöl wurde um 33 Prozent billiger, die Preise für Kupfer gaben um 28 Prozent, für Aluminium um 23 Prozent, für Nickel und Zink gar um 40 beziehungsweise 38 Prozent nach. Für tropisches Hartholz erzielten die Verkäufer 36 Prozent weniger, der Getreidepreis fiel um 17 Prozent.

Der Preisverfall hat für viele arme Länder in der Dritten Welt, die auf die Erlöse aus den Rohstoffexporten angewiesen sind, verheerende Folgen. Denn diese Länder können für die Versorgung der Bevölkerung und zur Entwicklung ihrer Wirtschaft dringend benötigte Importe nicht mehr bezahlen.

Schwellenländer, die noch vor kurzem als Zukunftsmärkte galten, gerieten erst wegen der Turbulenzen an den Währungs- und Kapitalmärkten unter Druck

nun kommen sie durch den Einbruch bei ihren Exportpreisen zusätzlich in die Bredouille.

Unbeachteter Absturz

Auf das Jahr gerechnet, werden die Rohstoffländer aufgrund des Preisrückgangs für ihre Exporte fast 100 Milliarden US-Dollar weniger einnehmen, wie die Volkswirte von der Deutschen Bank Research ermittelt haben. Davon sind zwar auch einige Industrieländer wie Kanada, Australien und Norwegen betroffen, aber mehr als 70 Milliarden Dollar entfallen auf Schwellen- und Entwicklungsländer. Wie groß die Bedrohung damit tatsächlich ist, zeigt ein Vergleich: Auf der bevorstehenden Weltwährungskonferenz Anfang Oktober steht gerade ein Schuldenerlaß von 2,8 Milliarden US-Dollar zugunsten der am höchsten verschuldeten Entwicklungsländer zur Debatte.

Weil viele Länder der Dritten Welt in Asien, Afrika oder Lateinamerika außer Rohstoffen nur wenig zu bieten haben, schlagen sich die gesunkenen Preise direkt als Einbußen der gesamtwirtschaftlichen Leistungen nieder. Nach Berechnungen der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad) kostet allein der Rückgang der Ölpreise Länder wie Angola, Gabun, Nigeria, Iran oder Kuwait zwischen 4 und 18 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts.

Besonders prekär ist die Lage für Venezuela. Es verdient nicht nur 80 Prozent seines Gesamtexportes mit Rohöl und Mineralölerzeugnissen. Die Erdöleinnahmen dienen auch dazu, mehr als die Hälfte der Staatsausgaben zu begleichen. Die Mexikaner, die ihren Staatsetat zu fast 40 Prozent aus den Ölverkäufen finanzieren, mußten schon dreimal in diesem Jahr ihr Budget kürzen, und die nächste Etatsanierung steht bereits bevor.

Andere Länder, die vor allem Nichteisenmetalle, Holz, Getreide, Zucker, Kaffee oder andere Rohstoffe auf dem Weltmarkt verkaufen, sind nicht besser dran. So erzielt das afrikanische Sambia rund 80 Prozent seiner Exporterlöse mit Kupfer. Aber auch Länder wie beispielsweise Bolivien, das eine breite Palette von Rohstoffen - von Zink, Zinn, Silber und Gold über Soja und Holz bis zu Erdgas und Erdöl - anbietet, stehen vor enormen Schwierigkeiten, weil die Preise auf der ganzen Front gefallen sind. Selbst ein so fortschrittlich entwickeltes Schwellenland wie Chile, das wegen seiner Wirtschaftsreformen einen Ruf als Musterstaat des Subkontinents genießt, steht jetzt vor gewaltigen Anpassungsproblemen: Über 40 Prozent seiner Ausfuhren bestreitet Chile mit Kupfer.

Malaysia spart sogar am Zucker für die Limonade

In den eigentlichen Krisenherden auf dem Globus verschärft die tiefe Rohstoffbaisse noch zusätzlich die ohnehin bedrohliche Situation. So bringt der Rückgang der Weltrohstoffpreise Rußland, in dem die Milliardenzahlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nur so versickerten, in eine noch gefährlichere Schieflage: Etwa 70 Prozent der russischen Exporterlöse stammen aus der Ausfuhr von Energie und Rohstoffen.

Und daß dem krisengeschüttelten Indonesien alle internationalen Institutionen inzwischen einen zweistelligen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr voraussagen, ist zu einem erheblichen Teil ebenfalls auf den Verfall der Weltmarktpreise zurückzuführen. Wie verzweifelt vor allem in den Brennpunkten die Lage ist, zeigt das Beispiel Malaysia. Nach der Einführung von Devisenkontrollen hat dort die Regierung von Premier Mahathir nun auch verfügt, den Zuckeranteil in den Softdrinks zu senken - um seine Importrechnung zu entlasten.

Unbeachteter Absturz

Doch wodurch wurde der weltweite Preisverfall für Rohstoffe ausgelöst?

Produzenten wie der Chilene Marcos Lima von Codelco oder auch der britisch-australische Bergbaukonzern Rio Tinto, einer der größten der Welt, beschuldigen Spekulanten. Tatsächlich operieren wie an den Kapitalmärkten auch an den Warenterminmärkten Fonds mit großen Summen - nicht um das Metall oder das Getreide wirklich zu erwerben. Ihnen geht es nur darum, aus den Preisschwankungen möglichst hohen Gewinn zu schlagen. Eine der Möglichkeiten sind beispielsweise "Leerverkäufe": Die Fonds verkaufen zu einem festen künftigen Termin und zu einem fixierten Preis an einen Abnehmer Waren, die sie selbst noch gar nicht besitzen

sie spekulieren darauf, daß sie diese Ware in der Zwischenzeit billiger erwerben können, um sie dann zu dem vereinbarten höheren Preis weitergeben zu können. Die Differenz zwischen dem Terminpreis und dem niedrigeren Einkaufspreis ist ihr Gewinn.

Die Spekulation hat den Abwärtstrend vermutlich beschleunigt, aber nicht verursacht. Der eigentliche Auslöser für den Absturz der Preise insbesondere von Industrierohstoffen war die Asienkrise. Als in Japan, dem weitaus wichtigsten Handelspartner der Region, und in den südostasiatischen Ländern wegen der Rezession die Produktion einbrach, fielen auf dem Weltmarkt die Nachfrageländer mit der größten Dynamik aus.

Bis zum Ausbruch der Finanzkrise waren die Rohstoffeinfuhren der stark expandierenden asiatischen Schwellenländer in rasantem Tempo gestiegen - bei den Metallen jährlich um 12 Prozent, fünfmal so schnell wie der Weltverbrauch insgesamt. Mehr als ein Drittel der Weltnachfrage nach Kupfer entfiel 1996 auf Asien, bei Nickel waren es sogar 40 Prozent. Ähnlich war auch die Entwicklung beim Rohöl. Mehr als 70 Prozent des Rohöls, das zwischen 1990 und 1996 zusätzlich auf den Markt kam, wurden in Asien verbraucht.

Als dann die Krisenländer plötzlich als Importeure ausfielen, brachen wegen des Überangebots die Preise weg. Um den Ölpreis zu retten, vereinbarten im Juni die Mitglieder der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) eine Kürzung ihrer Förderung um insgesamt 3,2 Millionen Barrel pro Tag - bisher aber ohne durchschlagenden Erfolg. Das lag zum einen daran, daß der Irak seine Quellen kräftig sprudeln läßt, seit die Vereinten Nationen die Sanktionen praktisch aufgehoben haben

zum anderen haben sich längst nicht alle Opec-Staaten an die Beschlüsse gehalten. Und Erwin Arrieta, Energieminister des in arge Nöte geratenen Opec-Mitglieds Venezuela, hat sich vorsorglich schon gegen weitere Produktionsbeschränkungen ausgesprochen - ein Ende der Baisse zeichnet sich vorerst nicht ab.

Unbeachteter Absturz

Doch so katastrophal die Folgen der niedrigen Rohstoffpreise für die Exportländer in der Dritten Welt sind, es gibt auch Krisengewinnler: Die Industrieländer können so billig wie seit langem nicht mehr Rohstoffe einkaufen. Allein die privaten Konsumenten in der Bundesrepublik sparen bei ihren Benzin- und Heizölrechnungen etwa acht Milliarden Mark in diesem Jahr, schätzt Ulrich Hombrecher, Chefvolkswirt der Westdeutschen Landesbank. An einzelnen Tankstellen im Norden Deutschlands ist Diesel sogar schon für unter einer Mark pro Liter zu haben, und Heizöl wurde in Düsseldorf, Hamburg und Rostock für weniger als 40 Mark je 100 Liter angeboten. Insgesamt entlastet der Absturz der Rohstoffpreise die Bundesrepublik bei ihren Einfuhren um 17 Milliarden Mark - ein unverhofftes Konjunkturprogramm. Außerdem ist die Inflationsrate dank der gesunkenen Rohstoffpreise noch um rund einen halben Prozentpunkt niedriger. "Wir haben", freut sich Eckhardt Wohlers, Konjunkturexperte des HWWA, "eine ganz starke importierte Stabilität".

Die Freude bleibt indes nicht ungetrübt. Denn letztlich werden die negativen Auswirkungen überwiegen. Weil die Chancen für die deutschen Exporteure schwinden, in den vielen Krisenländern auf dem Globus ihre Waren absetzen zu können, sind derzeit die Ökonomen in den Wirtschaftsforschungsinstituten dabei, ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum auch hierzulande nach unten zu korrigieren.