Auf das Jahr gerechnet, werden die Rohstoffländer aufgrund des Preisrückgangs für ihre Exporte fast 100 Milliarden US-Dollar weniger einnehmen, wie die Volkswirte von der Deutschen Bank Research ermittelt haben. Davon sind zwar auch einige Industrieländer wie Kanada, Australien und Norwegen betroffen, aber mehr als 70 Milliarden Dollar entfallen auf Schwellen- und Entwicklungsländer. Wie groß die Bedrohung damit tatsächlich ist, zeigt ein Vergleich: Auf der bevorstehenden Weltwährungskonferenz Anfang Oktober steht gerade ein Schuldenerlaß von 2,8 Milliarden US-Dollar zugunsten der am höchsten verschuldeten Entwicklungsländer zur Debatte.

Weil viele Länder der Dritten Welt in Asien, Afrika oder Lateinamerika außer Rohstoffen nur wenig zu bieten haben, schlagen sich die gesunkenen Preise direkt als Einbußen der gesamtwirtschaftlichen Leistungen nieder. Nach Berechnungen der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad) kostet allein der Rückgang der Ölpreise Länder wie Angola, Gabun, Nigeria, Iran oder Kuwait zwischen 4 und 18 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts.

Besonders prekär ist die Lage für Venezuela. Es verdient nicht nur 80 Prozent seines Gesamtexportes mit Rohöl und Mineralölerzeugnissen. Die Erdöleinnahmen dienen auch dazu, mehr als die Hälfte der Staatsausgaben zu begleichen. Die Mexikaner, die ihren Staatsetat zu fast 40 Prozent aus den Ölverkäufen finanzieren, mußten schon dreimal in diesem Jahr ihr Budget kürzen, und die nächste Etatsanierung steht bereits bevor.

Andere Länder, die vor allem Nichteisenmetalle, Holz, Getreide, Zucker, Kaffee oder andere Rohstoffe auf dem Weltmarkt verkaufen, sind nicht besser dran. So erzielt das afrikanische Sambia rund 80 Prozent seiner Exporterlöse mit Kupfer. Aber auch Länder wie beispielsweise Bolivien, das eine breite Palette von Rohstoffen - von Zink, Zinn, Silber und Gold über Soja und Holz bis zu Erdgas und Erdöl - anbietet, stehen vor enormen Schwierigkeiten, weil die Preise auf der ganzen Front gefallen sind. Selbst ein so fortschrittlich entwickeltes Schwellenland wie Chile, das wegen seiner Wirtschaftsreformen einen Ruf als Musterstaat des Subkontinents genießt, steht jetzt vor gewaltigen Anpassungsproblemen: Über 40 Prozent seiner Ausfuhren bestreitet Chile mit Kupfer.

Malaysia spart sogar am Zucker für die Limonade

In den eigentlichen Krisenherden auf dem Globus verschärft die tiefe Rohstoffbaisse noch zusätzlich die ohnehin bedrohliche Situation. So bringt der Rückgang der Weltrohstoffpreise Rußland, in dem die Milliardenzahlungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nur so versickerten, in eine noch gefährlichere Schieflage: Etwa 70 Prozent der russischen Exporterlöse stammen aus der Ausfuhr von Energie und Rohstoffen.

Und daß dem krisengeschüttelten Indonesien alle internationalen Institutionen inzwischen einen zweistelligen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr voraussagen, ist zu einem erheblichen Teil ebenfalls auf den Verfall der Weltmarktpreise zurückzuführen. Wie verzweifelt vor allem in den Brennpunkten die Lage ist, zeigt das Beispiel Malaysia. Nach der Einführung von Devisenkontrollen hat dort die Regierung von Premier Mahathir nun auch verfügt, den Zuckeranteil in den Softdrinks zu senken - um seine Importrechnung zu entlasten.