Kaum eine Woche vergeht, ohne daß BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel oder sein DIHT-Kollege Hans Peter Stihl versichern, zu den Bedingungen der SPD werde nicht einmal ein erstes Treffen zu einem Bündnis für Arbeit stattfinden. Der politisch eingefärbte Pessimismus an der Spitze der Unternehmerverbände verdeckt, wie weit die Vorüberlegungen auf der Arbeitsebene schon gediehen sind. Thomas Vajna, Geschäftsführer von Gesamtmetall, ist völlig sicher, daß es "nach der Wahl schnell losgehen wird, egal, ob wir eine große Koalition, Rot-Grün oder die Neuauflage der jetzigen Regierung bekommen". Beim DGB sieht man das ähnlich: "Es wird ein neues Bündnis geben, das wesentlich stabiler sein wird als das 1996 gescheiterte", bestätigt ein enger Mitarbeiter von DGB-Chef Dieter Schulte.

Die Gewerkschaften wissen, daß eine neue Epoche begonnen hat: Im Zeichen von Globalisierung und Europäischer Währungsunion müsse man "den Wandel vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat gestalten", resümiert der Schulte-Vertraute nüchtern. Die Arbeitnehmervertreter müßten bereit sein, "den Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung zu akzeptieren" - ein Satz, der noch vor kurzem als blanke Unternehmerpropaganda galt.

Doch im Gegenzug beharren sie auf mehr Beschäftigung. Klare Zahlen darüber, wieviel neue Jobs geschaffen werden sollen, wird es ohnehin nicht geben.

Weder die Gewerkschaften noch die Arbeitgeberverbände wollen sie. Auch Walter Riester, IG-Metall-Vize und möglicher neuer Arbeitsminister, hält solche Zahlenspiele für unsinnig. Vajna meint immerhin, man könne auf der Basis von Modellrechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung "wohlfundierte Prognosen in den Raum stellen". Mit "geschickten Strategien" könnte man in der Industrie, die im internationalen Wettbewerb steht, "vielleicht 200 000 Arbeitsplätze draufpacken". Der Gesamtmetall-Geschäftsführer warnt aber vor Illusionen: Der starke Wettbewerbsdruck werde unweigerlich wieder zu Rationalisierungen führen.

Statt Rechenübungen anzustellen, wollen die Gewerkschaften eine neue Vertrauensbasis schaffen. Sie würde es allen Beteiligten erlauben, aus ihren Gräben herauszuklettern und notwendige Veränderungen anzugehen. Als konkrete Beispiele nennt der Schulte-Mitarbeiter eine reduzierte Berufsausbildung für Jugendliche, die mit der dreijährigen Lehre überfordert sind, und die Einführung des Kombilohnes. So etwas sei möglich, falls die Arbeitnehmer sich darauf verlassen könnten, "daß die Arbeitgeber nicht sagen: Jetzt stutzen wir die ganze Berufsausbildung auf zwei Jahre." Auch neue Niedrigstlöhne sollen vermieden werden.

Heikelster Punkt eines Bündnisses dürfte es sein, die Lohnentwicklung einzubeziehen, ohne die Tarifautonomie zu beeinträchtigen oder gar staatliche Lohnleitlinien vorzugeben. Weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer wollen dies.

Andererseits geht es ohne den Staat nicht, weil beide Tarifparteien mehr netto für brutto erreichen wollen: Sinkende Lohnnebenkosten und steuerliche Entlastung sollen es erlauben, daß auch Lohnsteigerungen im Rahmen des Produktivitätszuwachses die Arbeitnehmereinkommen spürbar erhöhen.