Die Suche nach einer deutschen Identität scheint nicht vorbei zu sein.

Allerdings frage ich mich immer öfter, ob diese Suche nicht ihre Ursache in einer gewissen "verqueren" Sicht der deutschen Geschichte hat. Sie wird, ob in der Schule oder den Medien, immer als eine Abfolge von "Ausnahmefällen" behandelt, die eigentlich nichts mit uns zu tun haben. Die Jahre 1914, 1918, 1933, 1939, 1945, 1948, 1989, sie alle stehen für einen Neuanfang, der losgelöst von den Jahren davor angesehen wird. Dies ist der große Fehler deutscher Geschichtswahrnehmung, denn Geschichte ist die kontinuierliche Abfolge von Ereignissen, die ihre Ursache unmittelbar in den Geschehnissen davor haben. Ohne 1870 wäre 1948 oder 1989 unmöglich gewesen. Die Deutschen müssen begreifen, daß die Geschichte nicht 1948 (oder 1989) neu beginnt, sondern lediglich fortgesetzt wurde. Auch die "alte" Bundesrepublik ist ja nichts weiter als die momentane Staatsform, in der wir leben, genauso wie die DDR die Staatsform in der sowjetischen Besatzungszone war. In Berlin wird nichts Neues gebildet, schon gar nicht ein neuer Staat. Es geht weiter mit Deutschland, in einer Staatsform, die die stabilste und demokratischste ist, die wir je genossen haben. Viele Ängste scheinen mir unbegründet, denn in Berlin wird das Rad der Geschichte nicht neu erfunden, es dreht sich lediglich weiter. Welche Identität haben die Deutschen nun heute? Die Antwort lautet Europa, denn nur hier liegt die Zukunft, die weitere Kontinuität unserer Geschichte.

Andreas Steup, Berlin