Hinter 10 Downing Street gibt es einen kleinen Rosengarten. Dort legte Tony Blair im Juli Rechenschaft über sein erstes Amtsjahr ab. 50 Wahlversprechen seien bereits erfüllt, 127 würden demnächst umgesetzt, und zwar in "rasantem Tempo". Das Publikum war handverlesen: Minister und Verwaltungsbeamte, die gerade Blairs erste Kabinettsumbildung überstanden hatten, sowie einige Journalisten und Fotografen.

Weil Blair nach der Verkündung direkt in den Urlaub reiste, kann das Parlament seine Bilanz nun frühestens nach dem Ende der Sommerpause am 21. Oktober debattieren. Doch der Premier dürfte die Abwesenheit des "obersten Souveräns" kaum vermißt haben: Blair versucht nämlich gar nicht erst, seine Geringschätzung für das Parlament zu verbergen. Kein Nachkriegspremier hat sich so selten im Unterhaus blicken lassen. Die zwei wöchentlichen "Fragestunden" ließ er auf einen Termin am Mittwochnachmittag zusammenstreichen, und der ist wie schon zu Tory-Zeiten ein Forum für Speichellecker geblieben.

Gefälligkeitsfragen von den Labour-Bänken sind die Regel und oft sogar von den Fraktionseinpeitschern vorformuliert. Zuletzt meldete sich Bridget Prentice (Lewisham East) zu Wort: ob der "hochehrenwerte Freund" Blair sich freue, daß die Wartelisten in den Krankenhäusern schrumpften. Und ob sie ihm dazu gratulieren dürfe. Karikaturisten witzeln längst über die ferngesteuerten "Roboter" im Unterhaus, vergrätzte Linke und auch einige loyale Fans sprechen vom "Diktator" Blair, von einem "Hauch der totalitären Dreißiger" und einer "aufgeklärten Tyrannei". Wer ausschert, dem zeigt Blair die Zähne. Als der Labour-Abgeordnete Andrew Mackinlay mehr Gedankenfreiheit im Unterhaus forderte, drohte ihm der Premier mit dem Rauswurf. Er werde "dafür sorgen", daß der ehrenwerte Gentleman in Zukunft seine gedankliche Unabhängigkeit behalte.

Tony Blair gebärdet sich als ein Superstar, ein moderner Cäsar - aber das Volk jubelt ihm zu. Seine Sympathiewerte in den Meinungsumfragen sind auch nach 17 Monaten im Amt immer noch hervorragend (siehe Grafik, Seite 20), und die Zustimmung zur Partei liegt um sechs Prozent über dem Wahlergebnis. Die Leute schätzen Blairs charismatische Auftritte, bei denen er mit Engelsblick und der Rhetorik eines Messias Moral predigt und eine "nationale Erneuerung" fordert. Seine Reden kreisen um The People - das Volk, für das er Politik macht. Volkes Willen und Wünsche hat er vorsorglich bereits ermittelt: In "Fokusgruppen", Meinungsumfragen und einem "Superpanel" von 5000 ausgewählten Briten wurden Labours Gesetzesvorhaben und Initiativen vorgetestet. Moderne Formen des Plebiszits.

Wozu also sollte sich der Mann noch im Parlament oder an einer aufmüpfigen Ministerrunde aufreiben? "Alle Wege führen zu Tony", heißt es in Westminster und Whitehall, und vielleicht noch zu Gordon Brown, seinem Finanzminister und wirtschaftspolitischen Kopf. Die zwei sind von einem kleinen Schwarm sogenannter "Politikberater" umgeben: junger, eifriger Absolventen der Eliteuniversitäten in Großbritannien und den USA. Darunter sind eine Menge kluger Köpfe wie Geoff Mulgan, der Sozialexperte und zuvor Chef der Denkfabrik Demos - oder sein Vorgesetzter, der 33jährige David Miliband, der schon Anfang der neunziger Jahre nachdenkliche Schriften über eine neue linke Politik verfaßte. Doch zusammengenommen erscheinen sie manchem wie eine Bande von Eierköpfen in nagelneuen Anzügen, mit pomadesteifen Kurzhaarschnitten, Mobiltelefonen am Ohr und häufig von unerträglicher Arroganz. Sie sehen "Tony" und "Gordon" öfter als die meisten Minister, wichtige Papiere wandern zuerst über ihre Schreibtische, sie überwachen im Chefauftrag die weniger "zuverlässigen" Regierungsmitglieder.

Labours Rezept: Mobilisierung der Basis gegen die Alt-Aktivisten

Das Kabinett diente Tony Blair im ersten Amtsjahr vielfach nur dazu, bereits getroffene Entscheidungen abzusegnen. Von einem Court Government, einer höfischen Regierung, spricht der Historiker Peter Hennessy. Labour regiere, als sei die Partei "durch einen Coup an die Macht gekommen", urteilt gar der Verfassungsrechtler Anthony Barnett.