Klabautermänner und Narren treiben in diesen Musiken ihr rasselndes Unwesen, die hochnoble Maria Theresia schlüpft mal wieder ins Kostüm der alten Fürschtin Resi, das Liebesweben ist Tanz und Trug und Operntraum zugleich, ein Violinkonzert singt sich beharrlich selbst, ein Komponist gedenkt flüsternd fremder "Zauberklänge" - so spukt's durchs deutsche Repertoire. Und so klingt ein typisch deutsches Orchester (welches überdies das älteste der Welt ist): licht wie Sandstein und von barocker Lebensfülle, im Denken kunstsinnig, im Fühlen stolz. Selbst Herbert von Karajan, der stets mit Worten geizte, pries diesen Ton, dieses Timbre schwärmerisch als "Glanz von altem Golde". Noch ein Klischee? Die Sächsische Staatskapelle Dresden, die jetzt ihren 450. Geburtstag feierte, mag sich in den Streichern weniger süffig verströmen als die Wiener, gebärdet sich in den Bläsern längst nicht so keck und heldisch wie die Berliner, und an der sprichwörtlichen Perfektion vieler amerikanischer Klangkörper gebricht es ihr erst recht. Der Musikwelt gilt sie bis heute zuallererst als "Strauss-Orchester". Nicht von ungefähr hielt Richard Strauss seinen "lieben "Dräsdnern" über 60 Jahre lang künstlerisch die Treue: Zwischen 1901 und 1938 ließ er neun seiner Opern an der Elbe uraufführen (darunter den Rosenkavalier), 1915 widmete er der berühmten Kapelle die Alpensinfonie. Der heillos zerbombten Semperoper schließlich setzte er mit seinen Metamorphosen 1946 ein letztes Denkmal.

Die Tradition also macht die Musik - und ist Ehre, ist Bürde zugleich. Namen wie Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber, Richard Wagner (er prägte das Wunderwort von der königlichen "Wunderharfe"), Ernst von Schuch oder Fritz Reiner ließen die Musikstadt Dresden leuchten. Solcher Glanz aber ist auch verführerisch, läßt sich leicht hochpolieren, wie die aktuelle Jubiläumsedition der Deutschen Grammophon beweist (DG 459 390, 4 CDs): Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten, von 1954 bis 1996, stecken den ästhetisch-stilistischen Horizont der Staatskapelle ab, hüten historische Schätze wie David Oistrachs Interpretationen des Tschaikowsky-Violinkonzertes unter Franz Konwitschny oder Claudio Arraus altersklare Sicht auf Beethoven, wie Auszüge aus Carlos Kleibers Freischütz, se inen Tristan.

Der Rest gibt sich verlegen: Karl Böhm etwa, Dresdner Generalmusikdirektor von 1934 bis 1943, ist gleich fünfmal vertreten

Fritz Busch hingegen, sein Vorgänger im Amt, der 1923 bereits erste Schallplatteneinspielungen vornahm und 1933 einer politischen Intrige zum Opfer fiel, scheint dem Booklet keine weitere Erwähnung wert. Als wäre Musikgeschichte je etwas anderes als Zeitgeschichte, als hätte ein Orchester wie dieses kein feierliches Gedächtnis.