Kaum war er im Amt, machte Bahn-Chef Johannes Ludewig Druck. Die Züge müßten pünktlicher fahren, befand er. Auf vielen Bahnhöfen wurden seither Anzeigentafeln aufgestellt, die schonungslos darüber informieren, wie es um die Pünktlichkeit bestellt ist.

Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, nahm Ludewig im vergangenen Jahr seine 4100 Führungskräfte auch noch auf ganz besondere Weise in die Pflicht.

Da ein Teil ihres Gehalts aus variablen Tantiemen besteht, nutzte er dieses Instrument. Etwa die Hälfte der Jahresabschlußvergütung machte er davon abhängig, wie genau die Fahrpläne eingehalten werden. Bei zu großer Abweichung gibt's also weniger Geld.

In diesem Jahr, Stichtag war im Mai, wurden zwei Drittel der vorgesehenen Tantieme nicht ausbezahlt. Dabei hatte nur der unglückliche Verlauf eines Fahrplanwechsels in Berlin die an sich positive Bilanz am Ende noch verhagelt.

Inzwischen hat der Anreiz zu mehr Pünktlichkeit auch für so manchen Bahnkunden ärgerliche Konsequenzen. Getreu den Worten ihres Chefs, "die Bahn ist ein Verbundsystem, da hängen alle voneinander ab", entscheiden die Mitarbeiter einer Leitzentrale Tag für Tag darüber, ob ein Zug auf die Gäste eines verspäteten Zubringers wartet oder ganz nach Plan von dannen rauscht - auch wenn es sich nur um wenige Minuten handelt. Wer aber nur noch die Rücklichter seines Anschlußzuges sieht, dessen Reise gerät oft zur Odyssee ihn tröstet kaum, wenn das Pünktlichkeitsbarometer der Bahn auf diese Weise steigt.

Ein Unternehmenssprecher zu diesem Zielkonflikt: "Wir müssen die Interessen aller Kunden im Auge haben." Und damit kein falscher Verdacht aufkommt: Die meisten Mitarbeiter in den Leitzentralen seien von der Tantiemenregelung gar nicht betroffen.