Er wird in Hemd und Krawatte erscheinen. Das ist unerhört. Vor zwölf Jahren, als er seinen ersten Eid schwor, trug er Turnschuhe und T-Shirt. Das war auch unerhört. Es gehört zur Dialektik dieses Menschen und dieser Partei, daß Auflehnung und Anpassung gleichermaßen provozieren können.

Joschka Fischer wird der erste grüne Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Ein Traum, für Fischer. Ein Alptraum, warnen andere. Warnten! Denn jetzt, wo das bislang Undenkbare näher rückt, verstummen die Zweifler. Keine Entscheidung markiert den Kulturbruch einer rotgrünen Republik mehr als die Personalie Fischer: Der frühere Gegner des "Systems" als sein Repräsentant. Ein Straßenkämpfer als oberster Diplomat. Und Deutschland schweigt?

DIE ENTSCHEIDUNG. Es war nur eine Geste, eine kleine verräterische Eitelkeit. Doch sie schob den Vorhang beiseite: Fischer, es war am Montag, kommentierte die Wahlen vor der Bundespressekonferenz, wortkarg wie selten. Da fragte ihn ein britischer Korrespondent in seiner Landessprache nach den Grundzügen grüner Außenpolitik. Fischer antwortete nicht nur willig - er legte sein Bekenntnis zur Kontinuität auf englisch ab. Der Minister in spe, erstmals im Einsatz.

Zu ihrem Ja-Wort hatte sich die SPD lange vor dem 27. September durchgerungen. Fischer wollte das Amt unbedingt. Aus Neigung. Aber nicht nur. Der Rutsch ins Auswärtige Amt erschien ihm der einzig gangbare Weg in die koalitionsinterne Gleichberechtigung. Kaum ein Satz traf Fischer so sehr wie Gerhard Schröders Diktum vom Koch und vom Kellner. Immer wieder beschwor der grüne Fraktionschef im Hintergrund die Gefahr der "Jusoisierung" seiner Partei. Wie sonst läßt sich der Juniorrolle vorbeugen, wenn nicht durch ein senior office, ein wichtiges Amt?

Die SPD braucht Fischer, um die Grünen zu domestizieren. Und Fischer braucht das Außenamt, um sich gegen die übermächtige Sozialdemokratie zu behaupten. Das war die Geschäftsgrundlage, der Handel. Einige mußten schlucken in der SPD, Rudolf Scharping, der wohl Fraktionschef bleibt. Und Günter Verheugen, der jetzt vielleicht Verteidigungsminister wird. Auch in Fischers Reihen stöhnt so mancher.

DER AUSSENPOLITIKER. Was, Herr Fischer, ist denn nun grüne Außenpolitik? "Es gibt keine grüne Außenpolitik", sagt er, "nur eine deutsche." Deutlicher läßt sich das Gebot der "Kontinuität" nicht formulieren. Langsam hat er Übung. Schon seine Berliner Grundsatzrede, die er im Sommer vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik hielt, klang nach Meinung eines Diplomaten, "als sei sie von den Redenschreibern unseres Amts verfaßt".

Die Mehrheiten bei den Grünen sind im Fluß