Mein lieber Schriftstellerfreund,

Gestern habe ich diese Angelegenheit mit einem der Verantwortlichen der Stadtverwaltung von Düren besprochen, und er antwortete mir, das sei bundesweit deutsches Gesetz, alle seien gleich, und ich müsse mir eine Arbeit besorgen. Aber welche Arbeit kann ich denn tun außer Schreiben? Schließlich besitzen wir doch kein Kunst- oder Publikationszentrum, wo sich eine Beschäftigung für meinesgleichen fände. Also bin ich gezwungen, die Schriftstellerei aufzugeben, meine Zeitschrift einzustellen und Taxi zu fahren oder in einer Pizzabäckerei zu arbeiten. Und dieser geehrte Verantwortliche sagt: "Ja, Arbeit ist doch keine Schande, irgend etwas müssen Sie schließlich tun. Wir sind hier in Deutschland, es geht nicht an, daß Sie frei herumspazieren und Sozialhilfe beziehen, alle müssen arbeiten..."

Einer meiner Freunde meinte, es ist nichts. Du mußt ein Schreiben aufsetzen und dich an verschiedenen Stellen um Arbeit bewerben. Die werden unter deine Bewerbung schreiben, wir benötigen keine Arbeiter, stempeln es ab, und damit hat es sich. So machen wir das schon seit Jahren. Die haben selbst vier Millionen Arbeitslose und wissen nichts mit ihnen anzufangen. Das sind alles nur Formalitäten, mach dir keine Sorgen.

Ein anderer Freund meinte, wenn du dir von einem Arzt bescheinigen läßt, arbeitsunfähig zu sein, lassen sie dich in Frieden.

Aber ich bin arbeitsfähig. Ich arbeite, leiste Widerstand. Sechs Stunden täglich schreibe ich, acht Stunden täglich kämpfe ich im Redaktionsbüro meiner Zeitschrift für die Freiheit der Rede, für die Schriftsteller meiner Heimat, für meine Überzeugungen. Ich gebe eine zweisprachige Zeitschrift heraus, in Persisch und Deutsch, die, wie ich denke, für das Verhältnis zwischen den beiden Nationen sehr nützlich ist. Kritische Literatur, Meinungsfreiheit, Kampf gegen die Zensur.

Ich spiele in der Romanliteratur meines Landes eine Rolle, bin in der Geschichte der oppositionellen Presse Irans präsent. Seit zweiundzwanzig Jahren schreibe ich, unterrichte, wurde verprügelt, verhört, habe Schmerzen durchlitten, bin verurteilt worden, habe geweint und wurde schließlich verbannt.

Ich war mit der Schutzlosigkeit vertraut, jetzt lerne ich das Asyl kennen. Die Begriffe drehen sich in meinem Kopf: Asyl, Schutzlosigkeit. Schutzlosigkeit bedeutet, daß du deine Gedanken niederschreiben, sie aber nicht veröffentlichen kannst. Schutzlosigkeit bedeutet, daß du Widerstand leistest und plötzlich erkennen mußt, daß niemand mehr neben dir steht. Schutzlosigkeit bedeutet Verhöre aller Art. Schutzlosigkeit bedeutet, ständig in Todesangst zu leben. Aber du bist anwesend, bist vorhanden, existierst. Fürchtest dich nicht vor deinem Verhörenden - er ist es, der sich vor dir fürchtet.