Maßlosigkeit bei Geschenken und Süßigkeiten, Erfüllung aller Wünsche sofort, dauerndes Verhätscheln, Inkonsequenz, In-Watte-Packen bei kleinstem Unwohlsein, Aufgaben oder Konflikte für ein Kind lösen: Verwöhnung hat viele Gesichter - Auslöser für die Beschäftigung mit diesem Thema war eine Tauffeier mit vielen Kleinkindern: Fast alle hatten in der Kirche eine Nuckelpulle im Mund. Und jene, welche noch kein Getränk hatten, brauchten nur in die Nähe ihrer Eltern zu kommen, und schon bekamen auch sie eine Flasche. Ich dachte: Ob sich die Eltern der Wirkung ihres Tuns bewußt sind? Um ein Trinken als Reaktion auf Durst konnte es sich nicht handeln. Es war eine Form der Ruhigstellung. Aber selbst wenn Durst dagewesen wäre: Kann ein Kind keine Dreiviertelstunde warten?

Jeglicher Wollensäußerung im Moment zu entsprechen heißt auch, Auseinandersetzung zu vermeiden und Anspruchsdenken zu fördern. Was, wenn mal wirklich eine Durststrecke ansteht, wenn es Entbehrung kostet, ein Ziel zu erreichen? In dauernder Bedürfnisbefriedigung heranwachsende Kinder werden panisch reagieren. Der Verzicht wird als persönlicher Angriff erlebt, dem mit Aggression begegnet wird.

Als erstes wurde mir klar, daß zwischen Verwöhnung und situationsgemäßer Zuwendung deutlich zu unterscheiden ist. Zuwendung orientiert sich am anderen, an seinen Entwicklungsschritten, Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen, ist wohlwollend und ermutigend, auf Eigenverantwortung gerichtet. Dagegen tritt Verwöhnung zwar im Gewand der Zuwendung auf, orientiert sich aber an den Bedürfnissen des Verwöhners. Ob nun kontinuierlich Fehlverhalten hingenommen wird, Hürden weggeräumt oder angenehme Gefühlszustände ermöglicht werden, es geht um den eigenen Vorteil, nicht um das Wohl des Kindes.

Ein konfliktfreies Miteinander wird zum Ideal. Erfolg wird ohne Vorleistung erfahrbar, Passivität belohnt. Es lebt sich wie im Schlaraffenland. Das Kind gewöhnt sich an den bequemen Mechanismus, alles leicht zu bekommen. Verwöhnen und Gewöhnen werden ein Paar.

Die Folge ist eine Abnahme jeglicher Anstrengung. Das Kind wird permanent entmutigt. Anfangs wehrt es sich noch: "Kann allein" oder "will nicht" - später gibt es auf. Eigene Interessen haben keine Chance zur Verwirklichung, Willens- und Persönlichkeitsbildung findet nicht statt. Die Kraftlosigkeit führt auf Dauer zu Verwahrlosung, Aggression, letztlich zu Gewalt. Der postmoderne Asoziale steht vor uns. Verwöhnung hat einen hohen, nicht selten lebenslang zu zahlenden Preis.

Es geht um eigene Vorteile, nicht um das Wohl des Kindes

Weshalb verwöhnen Eltern ihre Kinder, Frauen ihre Männer und umgekehrt? Ein zentraler Aspekt liegt in der meist unbewußten Absicht, die eigene Position zu sichern, andere von sich abhängig zu machen. Frauen verwöhnen eher durch aktives Tun, Männer durch Vermeiden von Auseinandersetzung. Frauen verwöhnen häufiger als Männer, und Mädchen werden mehr als Jungen verwöhnt. Dafür haben es Mädchen etwas leichter, diese Deformation ihrer Persönlichkeit als Frau zu leben, da die aus der Verwöhnung resultierende Disposition zu Anpassung und Kompromiß eher mit der traditionellen Rollenerwartung "typisch weiblich" korrespondiert.

Verwöhnung hat für den Verwöhnenden die Funktion einer emotionalen Lebensversicherung. Der Satz: "Mein Kind ist mein ein und alles" zeigt überdeutlich, wo Veränderung einzusetzen hat. Denn in der Erziehung zu einem mündigen Menschen geht es nicht um "mein ein und alles", sondern darum, die uns anvertrauten Kinder zu einem eigenständigen Leben zu befähigen. Das Kind ist kein kuscheliger Schoßhund, darf fehlendes Glück in der Partnerschaft nicht ersetzen.

Verwöhnung treibt das Kind dazu, permanent auf die unterschwelligen Erwartungen des überlegenen Verwöhners fixiert zu sein. Es gibt sich willfährig, hat Angst groß zu werden - weil dann die Zuwendung aussetzen könnte - und konzentriert sich aufs Gefallenwollen. Meist rächen sich solche Kinder später dafür.

Denn wenn Erziehung sich als Verwöhnung etabliert, findet dies gesellschaftlichen Widerhall. Die zukünftige Generation wird zu kraftlosen, ängstlichen, leistungsschwachen, unmotivierten und angepaßten Egoisten, die sich nach Versorgtsein sehnen. Aber auf Dauer wird die vorgegaukelte Leichtigkeit des Seins zur Unerträglichkeit.

Denn so wie der einzelne für seine Verwöhnung zu zahlen hat, muß die Gesellschaft zahlen für jene, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger wie Schein-Arbeitslose verteidigen vehement ihren "Leistungsanspruch", die Verpflichtung zum eigenen Engagement lehnen sie brüsk ab. Auch die Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist betroffen, weil sie nur existieren kann, wenn die Beteiligten wenigstens ebensoviel einbringen, wie sie selbst herauszuholen erwarten.

Um verwöhnte Leser vor einem Mißverständnis zu bewahren: Es geht nicht darum, die verantwortungsbewußte Umsorgung von Kindern durch Mütter oder Väter in Frage zu stellen. Nein, der jegliche Aktivität blockierenden Verwöhnung wird der Kampf angesagt, weil sie Hilfsbedürftigkeit produziert.

Es geht darum, daß der einzelne "das wunderbare Gefühl rechtschaffener Erschöpfung" spürt, zufrieden auf ein mit Mühe Geschaffenes blicken kann, wie es Patrick Süskind in dem Buch Das Parfum beschreibt. Es geht um die Ermutigung zur Auseinandersetzung, um ein emotional-soziales Krafttraining, das sich am anderen orientiert.

Die wachsenden Erwartungen an Familie, Schule, Beruf und Freizeit erfordern vom einzelnen ein hohes Maß an sozialer Investitionsbereitschaft. Aufgeweichte Jammergestalten, ideenlos, frustriert, ohne Kraft, Mut und Zukunftsperspektive gibt es schon genug. Damit kann weder die Verantwortung für die nachwachsende Generation übernommen noch der Wirtschaftsstandort Deutschland abgesichert werden. Wie äußerte sich Bundespräsident Herzog vor einigen Monaten: Das große Problem in Deutschland sei eine "mentale Depression". Freude, Stolz, Zuversicht und Erfolg sind der Aura der Verwöhnung erlegen.

Ob Einsicht, Zeit und Kraft reichen, die Mutation vieler Zeitgenossen zum Homo schlaraffiensis rückgängig, dem Lebensideal als Made im Speck den Garaus zu machen?

Der Autor, Jahrgang 1944, hat zwei Kinder und ein Enkelkind. Nach einer Lehre als Kunstschlosser wurde er Sozialpädagoge und Erziehungswissenschaftler. Seit 1974 leitet er das Katholische Jugendamt Neuss