Verwöhnung hat für den Verwöhnenden die Funktion einer emotionalen Lebensversicherung. Der Satz: "Mein Kind ist mein ein und alles" zeigt überdeutlich, wo Veränderung einzusetzen hat. Denn in der Erziehung zu einem mündigen Menschen geht es nicht um "mein ein und alles", sondern darum, die uns anvertrauten Kinder zu einem eigenständigen Leben zu befähigen. Das Kind ist kein kuscheliger Schoßhund, darf fehlendes Glück in der Partnerschaft nicht ersetzen.

Verwöhnung treibt das Kind dazu, permanent auf die unterschwelligen Erwartungen des überlegenen Verwöhners fixiert zu sein. Es gibt sich willfährig, hat Angst groß zu werden - weil dann die Zuwendung aussetzen könnte - und konzentriert sich aufs Gefallenwollen. Meist rächen sich solche Kinder später dafür.

Denn wenn Erziehung sich als Verwöhnung etabliert, findet dies gesellschaftlichen Widerhall. Die zukünftige Generation wird zu kraftlosen, ängstlichen, leistungsschwachen, unmotivierten und angepaßten Egoisten, die sich nach Versorgtsein sehnen. Aber auf Dauer wird die vorgegaukelte Leichtigkeit des Seins zur Unerträglichkeit.

Denn so wie der einzelne für seine Verwöhnung zu zahlen hat, muß die Gesellschaft zahlen für jene, die keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Arbeitsunwillige Sozialhilfeempfänger wie Schein-Arbeitslose verteidigen vehement ihren "Leistungsanspruch", die Verpflichtung zum eigenen Engagement lehnen sie brüsk ab. Auch die Familie als Keimzelle der Gesellschaft ist betroffen, weil sie nur existieren kann, wenn die Beteiligten wenigstens ebensoviel einbringen, wie sie selbst herauszuholen erwarten.

Um verwöhnte Leser vor einem Mißverständnis zu bewahren: Es geht nicht darum, die verantwortungsbewußte Umsorgung von Kindern durch Mütter oder Väter in Frage zu stellen. Nein, der jegliche Aktivität blockierenden Verwöhnung wird der Kampf angesagt, weil sie Hilfsbedürftigkeit produziert.

Es geht darum, daß der einzelne "das wunderbare Gefühl rechtschaffener Erschöpfung" spürt, zufrieden auf ein mit Mühe Geschaffenes blicken kann, wie es Patrick Süskind in dem Buch Das Parfum beschreibt. Es geht um die Ermutigung zur Auseinandersetzung, um ein emotional-soziales Krafttraining, das sich am anderen orientiert.

Die wachsenden Erwartungen an Familie, Schule, Beruf und Freizeit erfordern vom einzelnen ein hohes Maß an sozialer Investitionsbereitschaft. Aufgeweichte Jammergestalten, ideenlos, frustriert, ohne Kraft, Mut und Zukunftsperspektive gibt es schon genug. Damit kann weder die Verantwortung für die nachwachsende Generation übernommen noch der Wirtschaftsstandort Deutschland abgesichert werden. Wie äußerte sich Bundespräsident Herzog vor einigen Monaten: Das große Problem in Deutschland sei eine "mentale Depression". Freude, Stolz, Zuversicht und Erfolg sind der Aura der Verwöhnung erlegen.