Manchmal fühlen sie sich hier wie im Zoo, sagen die Schüler der Jenaplan-Schule im Ziegenhainer Tal in Jena. Ständig seien sie den kritischen Blicken fremder Pädagogen, Studenten oder Professoren ausgesetzt, die sie immer auch an das eine erinnern: Die ganze Schule ist ein Stall voller reformpädagogischer Versuchskaninchen. Die Aufmerksamkeit für den größten Schulversuch Thüringens scheint auch nach sieben Jahren noch immer zu wachsen. Inzwischen lassen sich schließlich erste Ergebnisse greifen: Prüfungen zur mittleren Reife, Mathematik-Olympiaden - die Schüler der Jenaplan-Schule sind in den Ranglisten nicht selten ganz vorn dabei.

Stille. Das ist es, was die meisten Besucher für einen Augenblick unsicher macht. Die gewohnten Kombinationsmuster von Schule und Lärm, von Klassenzimmern und Geschrei werden hier enttäuscht. Entspannte Gelassenheit, fröhliches Kichern zwischen den Etagen. Nicht mal in den Pausen knallen die Lehrer die Tür hinter sich zu, sondern lassen sich selbst beim Frühstück drängelnde Schüler gefallen.

Auch nach der Pause liegt Tim noch ausgestreckt in der Sitzecke der dritten Etage und liest. Conny und Wiebke schlendern Arm in Arm über den Flur. Es ist Stammgruppenzeit, und das heißt an der Jenaplan-Schule freie Projektarbeit. Über mehrere Wochen beschäftigen sich die jahrgangsübergreifenden Gruppen mit vorgegebenen Themen. Und da es in der Stammgruppe der Klassen 7, 8 und 9 gerade um schöpferische Dinge geht, um das Schreiben und Produzieren eines Buches, würden festgelegte Pausen die Kreativität nur stören. So sucht jeder dann Zerstreuung, wenn er sie braucht. Und Gudrun Sinn, die Deutschlehrerin, sitzt in der Mitte des Raumes auf dem Boden, schaut froh von einem Tisch zum anderen und sagt: "Das ist die Erfüllung meines Lebens." Hier in der Jenaplan-Schule habe sie sich als Lehrerin gefunden.

Als im Herbst 1989 Pädagogen aus Jena die Initiative für eine staatlich anerkannte Jenaplan-Schule gründeten, sahen viele vom reglementierten Schulwesen der DDR frustrierte Lehrer ihre Chance für einen Neubeginn. "Kinder dürfen nicht gebrochen werden. Sie sollen als Persönlichkeit bestehen und später mit aufrechtem Gang durch die Welt gehen", sagt Schulleiterin Gisela John. Große Worte über die Würde und Einzigartigkeit des Menschen. So ähnlich stehen sie im "Kleinen Jena-Plan" von Peter Petersen. Der Reformpädagoge lehrte von 1923 bis 1946 an der Universität Jena. Inspiriert von den Landerziehungsheimen von Hermann Lietz und den Hamburger Lebensgemeinschaftsschulen, stellte er 1927 bei einer Tagung des Weltbundes für Erneuerung und Erziehung in Locarno den Jena-Plan vor. Darin verwarf Petersen vor allem vier Schulmerkmale als kinder- und lernfeindlich. Aus den Jahrgangsklassen machte Petersen altersübergreifende Stammgruppen. Ebenfalls abgeschafft wurde der Wochenstundenplan. An seine Stelle treten der Kreis, zu dem sich die gesamte Stammgruppe versammelt, die Tischarbeit in kleineren Gruppen, aber auch der Kurs für bestimmte Fächer. Gespräch, handwerkliche Arbeit, Spiel und Feier ersetzen bei Petersen den gängigen lehrerzentrierten Unterricht. Außerdem verwandelte Petersen die Klassenzimmer in "Schulwohnstuben" mit beweglichem Mobiliar.

Kaum einer der Lehrer, die heute an der Jenaplan-Schule arbeiten, hatte vor der Wende von Petersen gehört. Wie alle pädagogischen Reformmodelle war sie in der DDR verboten. Petersen blieb in Jena bis zu seinem Tod 1952 unbeachtet und verbittert, als Nazi verfemt. Seine nicht eindeutige Rolle gegenüber dem Nationalsozialismus genügte den Demagogen des neuen Systems, um sein gesamtes Werk in den Giftschrank zu sperren. Fest steht, daß Petersens Modellschule in den Jahren des Nationalsozialismus unangefochten fortbestand. Von diesen Ressentiments gegenüber Petersen wußten die Jenaer Pädagogen, aber sie wußten auch von den über 200 Jenaplan-Schulen in den Niederlanden, die diese Mitgift durch eine Reform des ursprünglichen Jenaplans bewältigt hatten. Im Aufwind der Wendezeit ließen sich also auch die Jenaer Pädagogen ihren Plan von einer erneuerten Jenaplan-Schule nicht zerschlagen.

Als die Jenaplan-Schule 1991 mit dem Unterricht begann, hatten bereits andere Thüringer Pädagogen die Ideen Petersens für die ehemalige DDR wiederentdeckt. In Suhl wurde eine Grundschule gegründet, und eine weitere Jenaplan-Grundschule gibt es in Weimar. Jena aber hat die einzige Jenaplan-Schule bundesweit, die einen Realschulabschluß bietet und schon zum Sprung in die Gymnasialstufe ansetzt. "Das Konzept ist aber noch nicht ausgereift", sagt Barbara Mergner vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien. "Die Schüler der Jenaplan-Schule sind Spitze in Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Methodenkompetenz. Es fehlt ihnen aber eindeutig an Sachkompetenz." Um den Sprung zum Gymnasium zu schaffen, müßten noch einige Anforderungen bewältigt werden. Es sei nicht leicht, den Grundgedanken der freien Entfaltung mit den tradierten Bildungsmaßstäben zu verknüpfen, die sich an einer Zukunft in Marktwirtschaft und Ellenbogengesellschaft orientieren. Gerade die Jenaplan-Schule dürfe keine realitätsfremden Menschen ins Leben entlassen.

Barbara Mergner gründete eine osteuropäische Werkstatt zur Jenaplan-Pädagogik und will bis zur Jahrtausendwende möglichst viele Pädagogen international miteinander vernetzen. Für sie bildet der Jenaplan Petersens die Inspirationsquelle für zukünftige Schulentwicklung. Zentrale Elemente aus der Petersen-Pädagogik, wie zum Beispiel die Wochenplan- und Projektarbeit und das jahrgangsübergreifende Lernen, sollten allmählich auch in traditionelle Schulformen einfließen.

In Thüringen gibt es inzwischen mehr als 20 "jenaplan-pädagogisch inspirierte" Schulen. Nach langer Überzeugungsarbeit testen viele von ihnen nun auch den jahrgangsgemischten Unterricht. Selbst die begeisterte Jenaplanerin Gisela John ging nicht ohne Zweifel in die gemischten Klassen. Inzwischen aber hat sie Petersens Gedanken verstanden: "Es entsteht eine familienähnliche Situation. Jedes Jahr wird eine Jahrgangsgruppe ausgetauscht, weil sie in eine höhere Gruppe wechselt. So kann sich niemand zu sehr festlegen, es findet keine Plazierung statt, es entsteht ein hierarchienfreier Raum." Allerdings haben nicht alle Ideen Petersens die Zustimmung der Jenaplaner gefunden. Verworfen haben sie etwa seinen Gedanken vom Führer- und Helferkind: "Wir wollen nicht festlegen, welches Kind etwas kann und welches Kind Hilfe braucht. So würde man ausschließen, daß sich Ältere auch von Jüngeren helfen lassen sollten."

In der Jenaplan-Schule werden - eine weitere Besonderheit - auch körper- und lernbehinderte Kinder integriert. Für die Eltern bedeute dies allerdings, "daß ihr Kind nicht in einer elitären Umgebung aufwachsen wird, wo es nur unter den Besten lebt und lernt", sagt Schulleiterin John. "Das Kind muß bereit sein, sich von Talenten, Begabungen und Neigungen der anderen Schüler befruchten zu lassen." Im Unterricht werde versucht, das Leistungsniveau der Aufgaben zu staffeln und nach oben hin offenzuhalten, so daß jeder Schüler mit Erfolgserlebnissen rechnen kann.

Wolfram Bindel, Lehrer im Fach Natur, schreibt keine Klassenarbeiten mehr. Diese Entscheidung wird jedem Pädagogen freigestellt. Zensuren gibt es erst ab Klasse 7 - und die müssen nicht durch Arbeiten entstehen. Im Fach Natur vereinen sich in der Jenaplan-Schule Chemie, Biologie und Physik. Die Inhalte werden dabei nicht vermischt, sondern folgen logisch aufeinander.

Stammgruppenarbeit in Natur heißt diesmal, daß sich die Schüler mit verschiedenen Elementen befassen, mit Gold, Silber, Titan, Silizium. Nicolai aus der 8. Klasse sitzt schlecht gelaunt vor seinen Büchern und wartet auf die Pause. Ihm gehe der jahrgangsgemischte Unterricht auf die Nerven, sagt er. Der Lehrer könne sich nicht auf den einzelnen konzentrieren, und alles würde ihm viel zu lange dauern. "Ich glaube, daß ich im Gymnasium mehr lernen könnte." Andere erzählen, daß sie wieder gerne in die Schule kommen, oft sogar länger bleiben, daß sie die Freiheiten genießen und das angstfreie Lernen. Manche widersprechen und sagen, auch an dieser Schule werde Druck gemacht, und eine schlechte Note sei für sie genauso bedrückend wie für andere Schüler auch. Wenn sie aber außerhalb des Schultores noch immer als die von der "Blödenschule" beschimpft werden, läßt sie das kalt. Denn sie sind überzeugt: Viele der Spötter sind insgeheim nur neidisch. Immerhin müssen jedes Jahr 60 Aufnahmeanträge abgelehnt werden.