An der Harvard Medical School werden neuerdings Einführungskurse über Spiritualität und Medizin angeboten: Die angehenden Ärzte sollen lernen, die religiöse Haltung des Patienten sowie die eigene Spiritualität in den Heilprozeß einzubeziehen. Religiöse Schwärmerei? Keineswegs. Würde man das Zusammenspiel von Körper und Geist besser verstehen und die Ressourcen der Religion nutzen, so rechnet der Harvard-Mediziner Herbert Benson bereits vor, so könnte die Hälfte aller streßbedingten Arztbesuche unterbleiben. Alleine in den USA ergäbe sich eine Ersparnis von mehr als fünzig Milliarden Dollar jährlich. Die Religion als harter Kostenfaktor im Gesundheitswesen.

Zeichnet sich eine Trendwende ab? Über Jahrzehnte dominierte in der Medizin eine kritische Sicht auf den Glauben an höhere Mächte. "Religiosität ist in vieler Hinsicht gleichbedeutend mit irrationalem Denken und emotionaler Verwirrung", formuliert diese Überzeugung drastisch der Psychotherapieforscher Albert Ellis. Je weniger religiös, desto gesünder seien die Menschen emotional. Dieser Ansicht dürften viele klinische Psychologen und Psychiater zustimmen. Noch immer glaubt die Mehrzahl der Mediziner und Psychologen, ihr Werk gelinge auch ohne den lieben Gott.

Nun spielte die Religion in God's own country schon immer eine besondere Rolle. Hier, wo Gallup-Umfragen zufolge 96 Prozent aller Einwohner an Gott glauben, hat auch der Buchmarkt zum Thema Spiritualität und Heilung permanent Konjunktur. Zum Teil ist dies sicher eine Modeerscheinung am Ende des Millenniums. Dennoch stellen sich US-Mediziner weniger tabuscheu als ihre europäischen Kollegen die Gretchenfrage, wie sie es mit der Religion halten. So hat das National Institute for Healthcare Research seit 1993 in vier gewichtigen Bänden eine Bibliographie zur klinischen Forschung über spirituelle Themen vorgelegt und diese in einem Seminarbericht ausgewertet. Und tatsächlich belegt ein beeindruckender Berg von Fachliteratur, daß der Glaube an Gott die Gesundheit positiv beeinflußt.

So neigen religiös und kirchlich stärker gebundene Menschen weniger zum Suizid, zu Alkohol- und Drogenmißbrauch oder zu Gesetzesdelikten als Menschen mit geringer religiöser Verpflichtung. Auch die Scheidungsrate kirchlich Gebundener ist geringer; in der Ehe geben sie eine höhere Zufriedenheit an. Das wiederum führt zu höherer psychischer Gesundheit: Die Wahrscheinlichkeit, daß geschiedene oder getrennt lebende Männer psychiatrisch behandelt werden müssen, ist zehnmal so hoch wie für verheiratete Männer. Bei Frauen ist das entsprechende Risiko fünffach erhöht.

Intensive Religiosität, so der Tenor vieler Studien, beeinflusse Gesundheit und Lebenserwartung positiv. Doch was heißt dabei "Religiosität"? Die meisten empirischen Studien machen dies an der Zugehörigkeit zu religiösen Gemeinschaften fest, an Gewohnheiten wie Kirchgang, Gebet oder Bibellektüre oder auch an der Selbsteinschätzung der Befragten. Die Ergebnisse legen mitunter einen dramatischen Einfluß der Gottesfürchtigkeit auf die Gesundheit nahe, nicht nur im psychischen Bereich.

Von 212 Studien, die den Einfluß religiöser Faktoren auf körperliche Gesundheit untersuchten, bescheinigen 160 eine günstige Wirkung der Religion, 37 gemischte oder keine Auswirkungen und 15 negative Effekte.

Als etwa der Einfluß des Kirchgangs auf rund 90000 Bewohner des Großraumes Washington untersucht wurde, zeigten sich bei den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern weniger Tuberkuloseerkrankungen, eine um 50 Prozent verminderte Todesrate durch Infarkte, weniger Lungenemphyseme und Leberzirrhosen. Vor allem bei Frauen ist starke kirchliche Verbundenheit ein herausragender sozialer Faktor, der die Sterblichkeitsrate senkt. Doch auch bei Männern, die häufig zur Kirche gehen, ist das Risiko einer Kreislauferkrankung 60 Prozent geringer als bei weniger kirchenbeflissenen Zeitgenossen.