Mitte der fünfziger Jahre kam eine neue Therapie gegen Angina pectoris in Mode, mit verblüffenden Erfolgen: Unterband man Patienten die inneren Brustschlagadern, so waren hinterher fünf, manchmal neun von zehn Patienten so gut wie geheilt, viele dauerhaft. Ihre drückenden Schmerzen waren verschwunden, sie konnten sich wieder Anstrengungen zumuten und nahmen weniger Medikamente als vorher. Und so wäre Angina weiter operiert worden, hätten mißtrauische Herzchirurgen nicht 1960 einen Test gemacht. Sie kündigten den Kranken die Operation an, ritzten dann aber nur noch die Haut ein - und siehe da, der Heileffekt war genau der gleiche. Nicht der Eingriff hatte geheilt, sondern der Glaube des Patienten, ein heilender Eingriff habe stattgefunden. Die Operation war ein Placebo.

Beim Wort Placebo denken die meisten an ein Scheinmedikament, gut für eingebildete Krankheiten, bei denen es reicht, wenn der Kranke sich auch die Besserung einbildet. Das erste aber, was man begreifen muß, wenn man sich dem rätselhaften Placebophänomen nähert, ist dies: Ein Placebo ist zwar eine Scheintherapie, aber ihre Wirkung ist ebenso real wie die Krankheit selbst. Zwar werden dabei normalerweise nur harmlose Milchzucker- oder Stärkepillen verabreicht; aber sie bewirken, wenn sie wirken, nicht nur, daß sich der Patient subjektiv besser fühlt, sondern haben objektive körperliche Folgen: Magengeschwüre, Hautausschläge oder Rheumasymptome verschwinden, Kardiogramme oder Hormonspiegel ändern sich.

Von allem Anfang an war die Medizin stärker mit dem Placebo verbandelt, als ihr heute lieb ist. "Da bis vor kurzem so gut wie alle Medikamente Placebos waren, läßt sich die Geschichte der medizinischen Behandlung weitgehend als die Geschichte des Placeboeffekts beschreiben", stellte, nicht als erster, der Placeboforscher Arthur Shapiro fest. Erst vor hundert Jahren, mit der wissenschaftlichen Chemotherapie, begann sich die Medizin vom Placebo zu emanzipieren. Sie hat es bis heute nur unvollständig getan. Wer bei einer viralen Erkältungskrankheit ein Antibiotikum verschreibt oder einnimmt, setzt auf den Placeboeffekt. Auch die rationalsten Therapiemaßnahmen des skeptischsten Arztes, der das Placebo für einen unwürdigen Betrug am Patienten hält, haben unweigerlich ihre Placebokomponente.

Jahrhundertelang waren die teuersten Arzneien: Einhornpulver (Knochenmehl vom Narwal) gegen Lebensmittelvergiftung, Bezoarsteine (angeblich Tränenkristalle eines von einer Schlange gebissenen Rehs, in Wahrheit Gallensteine von Ziegen) gegen Vergiftungen und Melancholie, ägyptisches Mumienpulver (also Dreck unbekannter Herkunft) zur Wundheilung. Bis ins 19. Jahrhundert war der auf Mithridates zurückgehende Theriak als Allheilmittel in Gebrauch; sein Grundbestandteil war Kreuzotternhack. Krokodilkot, Schweinezähne, Wanzendärme, Schlangengalle, Fliegendreck, Moos vom Schädel eines Gehenkten (Usnea, Bartflechte) - je ekelhafter, desto heilkräftiger scheint die Grundidee dieser Heilkunde gewesen zu sein. Das erste spezifisch wirksame Medikament überhaupt war wohl die um 1630 von Jesuiten aus Peru mitgebrachte Chinarinde gegen Malariafieber. Die Standardbehandlungen waren Reinigungsrituale von reinem Placebowert: Ader lassen, Abführ- und Brechmittel. Außer ein paar Kräutern, die tatsächlich Wirkung hatten, aber selten die ihnen zugeschriebene, hätte fast nichts davon den Kranken gesünder machen können, vieles aber kränker. Trotzdem erfreuten sich Medizinmänner höchster Wertschätzung, und das lag nicht nur an der Hoffnungsstärke ihrer Patienten. Es lag daran, daß die Malträtierten oft tatsächlich gesundeten - zum einen, weil auch die absurdeste Kur ihre Placebowirkung tat; zum andern, weil die Krankheit von alleine schwand und man dies ärztlicher Kunst gutschrieb, dank dem Trugschluß post hoc ergo propter hoc (wenn etwas danach passiert, wird es deswegen gewesen sein).

Für die Pharmakologen ist der Effekt vor allem ein lästiger Störfaktor

Mehr als jeder andere trug der amerikanische Anästhesiologe Henry Beecher dazu bei, daß die Medizin die unheimliche Macht des Placebos nicht länger ignorieren konnte. Im Zweiten Weltkrieg hatte er Verwundeten hinter der Front in Italien Morphin gegeben. Als ihm das Morphin ausging, spritzte er in seiner Verzweiflung eine schwache Kochsalzlösung. O Wunder, auch sie linderte vielen den Schmerz.

Aufgrund solcher Erfahrungen machte die Pharmakologie in den fünfziger Jahren die Placebokontrolle zur allgemeinen Praxis. Jedes neue Medikament muß sich seitdem gegen ein Placebo beweisen, und zwar in "doppelblinden" Versuchen, bei denen weder Patienten noch Pfleger wissen, wer das wirkliche Medikament - das Verum - erhält und wer das Nichts. Seitdem ist der Placeboeffekt vor allem ein lästiger Störfaktor, der ehrgeizigen Pharmakologen die Petersilie verhagelt. Wenn ein vielversprechendes neues Molekül, etwa ein Antidepressivum, 70 Prozent der Kranken zu meßbarer Besserung verhilft, so scheint das zunächst wie ein sensationeller Triumph; aber wenn im Doppelblindversuch eine Zuckerpille bei 35 Prozent die gleiche Wirkung tut, ist der Triumph nur noch halb so groß und das neue Medikament in den grauen klinischen Alltag heruntergeholt.