Als es endlich kam, dieses Zitat, dieses gefährliche Zitat, das manche fürchteten wie den Gottseibeiuns, wie eine räudige Erinnerung, wie das Böse schlechthin, dieses andererseits brave Zitat einer sanften Melodie, die zufälligerweise einem Staat dienen mußte - als dieses Zitat der DDR-NATIONALHYMNE also kam bei der offiziellen Feier zum TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT, da platzte in Hannover keine Bombe, und Volker Rühe konnte mit den Füßen wippen. Gerhard Schröder, bereits jetzt der oberste Musikkritiker unserer Nation, beeilte sich sodann, der Festmusik Schönheit zu bescheinigen - und klatschte! Das Urteil eines Zuverlässigen.

Helmut Kohl hingegen tätschelte seine Hände, daß es wie Beifall aussah. Doch nur ein bißchen, denn Edmund Stoiber saß abends in München vor dem Fernseher und guckte, ob da wer was falsch machte. Der Rest der Gesellschaft stellte die Köpfe schräg, guckte wunderlich und wirkte erleichtert.

Ja, der Berliner Komponist Bardo Henning hat sein Acht-Takte-Zitat der DDR-Hymne nett garniert. Kleiner Orchesterapparat, freundliche Soli, Instrumental-Kitt, Fettaugen obendrauf. Big-Band-Sound, Streichersuppe und ein paar hübsche falsche Noten. Dann durfte das Schlagzeug swingen, so daß man nicht mehr wußte, ob's jetzt noch Hanns Eisler war oder schon Peter Kreuder, denn der Henning ist ein cleverer Tönesetzer, er wollte hinterher einem ganzen Volk ins Gesicht schauen können. Also hat er den uralten Vorwurf, Eisler habe bei Kreuder geklaut, lammfromm zum Clou seiner Variationen zum Thema Deutschland gemacht. Ein Schlawiner lädt zum Zwinkern.

Und für Sekunden war es in Hannover wie vor Jahrzehnten bei Olympia, wo die Blauen oben standen und mit dem Rest der Welt einer Hymne lauschten, die alles besaß, was gute Musik braucht. Sogar einen Paß.

Henning hat den Eisler in den Wind gehalten wie ein nervös flatterndes Fähnchen - und dann, etwas später, das Deutschlandritual artig gewinnen lassen. Es war ein leichter Sieg, denn unter Haydns originaler Melodie lugte nur eine schüchterne Zierstimme hervor. Ein Streichduett für eine ganze Republik. Der deutschen Reinheit mangelte es an nichts. Es war eine jener Zierstimmen, wie man sie im Fach Kontrapunkt, zweites Semester, hinschreibt. Am Ende der Veranstaltung hat Henning dann auch seinen Haydn neu harmonisiert. Vierstimmiger Satz, drittes Semester. Wer dazu sang, hörte abermals und erst recht nicht hin - ach, das alte Lied und Leid.