die zeit: Herr Ricoeur, Sie haben sich in Ihrer langen philosophischen Laufbahn schon mit vielen Themen beschäftigt, von der Psychoanalyse bis zur Moralphilosophie, von der Theologie bis zur Ästhetik. Jetzt haben Sie sich der Geschichte zugewandt. Man stößt in Ihrem neuesten Essay auf die rätselhafte Aufforderung, wir müßten "der Vergangenheit ihre Zukunft wiedergeben". Was ist damit gemeint?

Paul Ricoeur: Wir dürfen uns nicht in den Diskurs der Schuld einschließen. Diese Aufforderung betrifft Deutsche und Franzosen gemeinsam - denn wir waren Protagonisten der schrecklichen Geschichte dieses Jahrhunderts. Wenige Phasen der Geschichte sind so genau erforscht wie die Spanne von 1932 bis 1945. Der deutsche Historikerstreit hat hier noch einmal Auftrieb gegeben. Man muß nicht mehr fürchten, daß etwas Wichtiges verborgen ist. Die heutige Aufgabe besteht darin, zu verstehen. Wir müssen durchdringen, was wir gemacht haben, was wir nicht gemacht haben, was wir erlitten haben - und ich glaube, wir müssen heraustreten aus der juridischen Rede von Verbrechen und Strafe.

zeit: Das klingt ein wenig abwiegelnd.

Ricoeur: Nein, sehen Sie: Zwei Dinge sind jetzt im wesentlichen erledigt, die Kenntnisnahme der Fakten und die Verurteilung der Schuldigen. Das Papon-Verfahren war der letzte große politisch-moralische Reinigungsprozeß. Da ist etwas zu Ende gegangen. Es bleibt aber weiterhin die intellektuelle Verständnisarbeit zu leisten. Ich plädiere dafür, sich bei der historiographischen Arbeit an die Stelle der historischen Akteure zu versetzen, in jenen Moment, in dem sie die Folgen noch nicht absehen konnten. Ich gehöre zu einer Generation, die in den dreißiger und vierziger Jahren geistig geprägt worden ist. Es scheint mir sehr wichtig zu betonen, daß wir 1932 - und sogar nach der Machtergreifung Hitlers - die Folgen nicht ahnen konnten. Man muß den Sinn für das Zögern wiedergewinnen, für die Ambivalenz und all die Versuche, sich zu orientieren und zu entscheiden. Heutzutage spricht man von präfaschistischer Epoche und präfaschistischer Mentalität, weil eben der Faschismus danach kam. Ich polemisiere gegen den Gestus permanenter Anklage, weil man so den Akteuren nicht gerecht werden kann. Man muß die Ungewißheit der Geschichte wiederfinden.

zeit: Das ist eine sehr milde Haltung für jemanden, der viele Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht hat.

Ricoeur: Nun bringen Sie mich dazu, alte Geschichten zu erzählen, aber sei's drum: Ich war fünf Jahre lang in deutscher Kriegsgefangenschaft ...

zeit: ... eine schrecklich lange Zeit.