Der Deutsche Beamtenbund, eine der mächtigsten Interessengruppen der Bundesrepublik, hat einen seiner wertvollsten Parlamentslobbyisten verloren. Otto Regenspurger, Postoberinspekteur außer Diensten und stellvertretender Vorsitzender des Beamtenbundes, kehrt nicht mehr in den neuen Bundestag zurück. Seinen seit 24 Jahren sicheren Wahlkreis im bayerischen Coburg hat er mit einem für CSU-Verhältnisse ungewöhnlich hohen Rückstand von rund zehn Prozent glatt verspielt.

Bei einschlägigen Beamtentreffen hat Regenspurger häufig statt geschliffener Rede lieber bayerisch Maß genommen. Gleichwohl war er für den Deutschen Beamtenbund sechs Legislaturperioden lang ein verdienstvoller Interessenvertreter im Parlament. Regenspurger hatte es immerhin auf knapp ein Dutzend wichtiger Positionen in allerlei Ämtern gebracht. Dennoch muß sich der Beamtenbund jetzt nicht grämen. Nach einer ersten und vorläufigen Übersicht zur soziologischen Berufsstruktur der Mitglieder im 14. Deutschen Bundestag der Nachkriegsrepublik ist ziemlich sicher, daß auch diesmal wieder genügend Staatsdiener nachgerückt sind, die den Verlust des Abgeordneten Regenspurger allemal verschmerzen lassen.

Obwohl mehr als ein Viertel, nämlich 27 Prozent, der Mitglieder des Bundestages bei der jüngsten Wahl ausgetauscht wurde, ist die Riege der Staatsdiener - Beamte, Angestellte des öffentlichen Dienstes und vergleichbarer Körperschaften - nach wie vor die bei weitem stärkste Berufsgruppe im Parlament. Nach dem Abgang von 178 Abgeordneten und dem entsprechenden Neuzugang haben die Vertreter des öffentlichen Dienstes ihre Stellung mit einem Anteil von rund 36 Prozent (bisher 36,3) knapp gehalten.

De facto liegt der Anteil der Beamten sogar noch um einiges höher. Da sich unter den 669 Parlamentariern viele Berufspolitiker mit beamtenähnlicher Rechtsstellung befinden, dürfte die parteiübergreifende Fraktion der Staatsdiener annähernd die Fünfzig-Prozent-Marke erreicht haben.

Der hohe Anteil von Staatsdienern im Bundestag wie auch in den Landtagen hat in Deutschland seit der Revolution von 1848 Tradition. Adelbert Hess, ein früherer Mitarbeiter des Bundestages, führt das darauf zurück, daß es seinerzeit keine politisch erprobte Elite gab, wohl aber eine Beamtenschaft mit großen rechtstechnischen Kenntnissen. Dieser Berufsstand mit einer vom Gesetz gestützten Autorität, der zudem partielle Unabhängigkeit genoß, habe als "politische Ersatzelite" fungiert. Eine Vielzahl der über Nacht entstandenen Parlamentssitze sei daher zwangsläufig mit Beamten besetzt worden. Nicht selten hatten die Staatsdiener sogar eine absolute Mehrheit in den Volksvertretungen.

Daß sich daran seither kaum etwas geändert hat, hängt auch damit zusammen, daß die Beamten nach Ausscheiden aus dem Parlament ein uneingeschränktes Rückkehrrecht in das frühere Arbeitsverhältnis haben. Deshalb ist zum Beispiel der Anteil der Angehörigen von Lehrberufen unter den 178 neuen Abgeordneten mit etwa zehn Prozent wieder recht hoch.

Auch Nichtbeamte, die sich um Mandate bemühen, genießen einen Kündigungsschutz. Der gilt für die Zeit der Mandatsausübung sowie ein Jahr nach Mandatsende. Allerdings gestaltet sich die Rückkehr in die Firma nach Jahren der Abwesenheit wahrscheinlich nicht so problemlos wie bei Beamten, die ihren Arbeitsplatz in einer Behörde wieder einnehmen.