Mich als Apotheker (mit 35 Jahren Berufserfahrung) ärgert die Drogenpolitik in Deutschland schon seit vielen Jahren. Aus den Erzählungen meines Vaters, der in den zwanziger und dreißiger Jahren in Frankfurt als Apotheker tätig war, weiß ich, daß er noch die Zeit erlebt hat, als Hunderte von Morphinisten regelmäßig ihre Literflaschen mit Morphiumlösung aus der Apotheke legal bezogen - unauffällige "Süchtige" jeder Altersgruppe, teilweise über achtzig Jahre alt. Als schließlich das Deutsche Reich 1929 das Internationale Opiumabkommen von 1912 unterschrieb, war schlagartig mit der Legalität Schluß, und die Morphinisten starben wie die Fliegen, falls es ihnen nicht gelang, sich illegal ihre tägliche Dosis zu besorgen.

Völlig unproblematisch verlief der "Drogenkonsum" auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Alle Süchtigen waren über Karteikarten auf eine bestimmte Apotheke festgelegt, und somit konnte der "Drogenkonsum" gesteuert und in legalem Rahmen gehalten werden. In den späten sechziger Jahren kam dann eine völlig neue, jüngere Drogenklientel. Sie mußte illegal arbeiten - was zu massenhaften Apothekeneinbrüchen führte. Das hatte zur Folge, daß die Apotheken keine Betäubungsmittel (BTM) mehr lagerten und die Ärzte sich kaum trauten, noch BTM zu verschreiben, was wiederum dazu führte, daß Schwerstkranke unter furchtbarsten Schmerzen sterben mußten ("Die könnten ja süchtig werden!").

Heute sind wir, was die Szene betrifft, kaum einen Schritt weitergekommen! Wenig Entspannung gab es durch das Polamidon-Substitutionsprogramm. Weiterhin werden Tausende gezwungen, sich ihre Drogen in der Illegalität zu besorgen und zu finanzieren.

Gerhard Uecker, Hamburg