Kaum ein Ereignis des bewegten Jahres 1898 erschien den Zeitgenossen so schicksalsschwanger wie die Reise von Wilhelm II. ins Heilige Land. Bismarck war fassungslos, als er vom Vorhaben des Monarchen erfuhr, und rief aus: "Meine Trompete ist durchschossen." Frank Wedekind und Th. Th. Heine wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, weil sie im Simplicissimus den kaiserlichen Kreuzritter verspottet hatten. Der Herausgeber der satirischen Zeitschrift, Albert Langen, wurde gezwungen, außer Landes zu gehen. Groß war freilich die Verblüffung deutscher Juden, als die Absicht Wilhelms II. durchsickerte, sich in Jerusalem mit Theodor Herzl, dem Leiter der zionistischen Bewegung und dem geistigen Vater des heutigen Staates Israel, zu treffen. "Aber ist es nicht eine köstliche Ironie der Mächte, daß der Padischah an demselbigen Tage zu Kreuze kriechen muß, an dem sein Protektor Einzug hält?" fragte Walther Rathenau seinen Briefpartner Maximilian Harden ungläubig.

Der heutige Beobachter, der die Begegnung des Imperators mit dem Zionistenführer fast zwangsläufig durch die dunkle Brille des Holocaust betrachten muß, könnte sich zu der Frage veranlaßt fühlen, ob es sich dabei nicht um einen äußerst geschmacklosen Scherz der Weltgeschichte handelte. Denn war nicht Herzl angesichts der in Europa grassierenden Seuche des Antisemitismus von einer Vorahnung des drohenden Unheils beseelt? Und war nicht seine Hoffnung bei der Unterredung mit dem Kaiser, diesen für das geradezu atemberaubende Projekt eines deutschen Protektorats über einen jüdischen Staat in Palästina zu gewinnen? Wie anders hätte der Verlauf der Geschichte in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ausgesehen, wenn Herzls "Rettungsaktion" 1898 verwirklicht worden wäre, wenn es eine sichere Heimstätte für die unterdrückten Juden Europas gegeben hätte. Wenn Tausende der ärmeren Juden aus den Ländern, in denen sie nicht mehr willkommen waren, hätten fliehen können. Wenn ein jüdischer Staat existiert hätte, der sich auf internationaler Bühne gegen Unrecht und Verfolgung hätte wehren können. Und wenn es eine deutsch-jüdische Kolonie im Nahen Osten gegeben hätte, auf die deutsche Imperialisten mit Stolz hätten blicken können!

"Ich werde sagen: Lassen Sie uns ziehen" Solch kontrafaktische Spekulation macht schwindelig, und es ist wohl ratsam, sich auf den Boden der historisch feststellbaren Tatsachen zurückzubegeben. Was wollten Theodor Herzl und Kaiser Wilhelm II., und wie kam es zu einem ersten Vorgespräch der beiden Männer in Konstantinopel am 18. Oktober 1898, zu dem Wiedersehen am Straßenrand vor Jaffa elf Tage später und schließlich zu ihrer denkwürdigen Begegnung im kaiserlichen Zelt vor den Mauern Jerusalems am 2. November? Unsere Aufmerksamkeit wird sich besonders auf die Gründe dieses Fehlschlags richten müssen, denn nur dadurch werden wir die Antwort auf die Frage erhalten, warum im Jahre 1898 die Weltgeschichte scheinbar an einem Wendepunkt angelangt war, ohne sich dann zu wenden.

Herzls Absicht, einen Appell an Wilhelm II. zu richten, war so alt wie sein Zionismus überhaupt. Im Juni 1895, kurz bevor er den Entwurf zu seinem einflußreichen Buch Der Judenstaat niederschrieb, erklärte er: "Ich werde zum Deutschen Kaiser gehen; und der wird mich verstehen, denn er ist dazu erzogen, große Dinge zu beurteilen. Dem Deutschen Kaiser werde ich sagen: Lassen Sie uns ziehen." Obwohl ihm klar war, daß ein mit Deutschlands Hilfe ins Leben gerufener jüdischer Staat "die wucherischten Zinsen" würde bezahlen müssen, bevorzugte Herzl stets den deutschen Weg zur Verwirklichung seiner weitreichenden Pläne. Er wollte in Palästina eine aristokratische jüdische Republik gründen, für die das Bismarck-Reich Modell stehen sollte.

"Unter dem Protektorat dieses starken, großen, sittlichen, prachtvoll verwalteten, stramm organisierten Deutschland zu stehen, kann nur die heilsamsten Wirkungen für den jüdischen Volkscharakter haben", schrieb er am 8. Oktober 1898 in sein Tagebuch. "Mit einem Schlag", fuhr er fort, "kämen wir zu vollkommen geordneten inneren und äußeren Rechtszuständen." Und auch die Deutschen würden aus dem Bündnis Gewinn erzielen, denn "durch den Zionismus wird es den Juden wieder möglich werden, dieses Deutschland zu lieben, an dem ja trotz allem unser Herz hing!"

Freilich, es war eine Sache, an den Kaiser appellieren zu wollen, eine ganz andere, den Monarchen zu einer Audienz zu bewegen. Die beiden Männer sahen sich erstmals im April 1896, als Wilhelm Wien besuchte und Herzl sich eiligst eine Opernkarte besorgte, um den obersten Kriegsherrn aus der Nähe beobachten zu können. Es war William H. Hechler, der exzentrische deutsch-britische Kaplan an der englischen Botschaft in Wien, der Herzl den Weg an den kaiserlichen Hof ebnete. Er schickte dem Großherzog von Baden, dem Onkel des Kaisers, drei Exemplare des Judenstaats und brachte den badischen Monarchen dazu, Herzl am 22. April 1896 in Karlsruhe zu empfangen. Mit der Zeit entpuppte sich Großherzog Friedrich als wohlwollender, wenn auch zaghafter Gönner der Zionisten.

Wilhelm II. hatte bislang zwar wenig Interesse am Zionismus gezeigt, er war dennoch mit der zentralen Idee dieser neuen Bewegung vertraut und äußerte sich gelegentlich - wenn auch spöttisch - zustimmend dazu. Im Mai 1891, als er von den amerikanisch-russischen Verhandlungen erfuhr, in denen es um Landerwerb in Argentinien für die verfolgten Juden Rußlands ging, bemerkte er: "Ach, wenn wir unsere doch auch dahin schicken könnten." Als der Großherzog und Hechler 1896 bei einem Besuch in Karlsruhe den Versuch unternahmen, Wilhelms Aufmerksamkeit auf die Ideen Herzls zu lenken, rief der Kaiser dem Gast seines Onkels lachend zu: "Hechler, ich höre, Sie wollen Minister des jüdischen Staates werden." Ein Jahr später, bei der Lektüre eines Berichtes über den ersten Zionistenkongreß, schrieb Wilhelm II. an den Rand: "Ich bin sehr dafür, daß die Mauschels nach Palästina gehen, je eher sie dorthin abrücken, desto besser. Ich werde ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legen." Das antisemitische Gekritzel des allerhöchsten Herrn verdeutlicht immerhin, daß es zwischen Herzl und dem Kaiser gemeinsamen Boden gab. Wie der Zionistenführer bereits 1895 notiert hatte: "Die Antisemiten werden unsere verläßlichsten Freunde." Als Herzl auf Anraten des Großherzogs den Kaiser brieflich um eine Audienz bat, erhielt er zur Antwort, der Monarch könne ihn nicht empfangen, er bäte aber um einen schriftlichen Bericht über den Zionistenkongreß. Am 1. Dezember 1897 schickte Herzl dem Kaiser seine Broschüre Der Baseler Kongress zu. Der erste Kontakt war hergestellt.