Was braucht ein Kind? Als man dem amerikanischen Psychologen Urie Bronfenbrenner, bekannt geworden durch Untersuchungen über Kindererziehung in verschiedenen Kulturbereichen, diese Frage stellte, gab er zur Antwort: "Somobody has got to be crazy about the kid" - "Jemand muß in das Kind vernarrt sein".

Es ist eine schlichte Erkenntnis, die hier das lange Forschen krönte. Wir sind schließlich umgeben von lauter verrückten Eltern, denen ihre Kinder ihr ein und alles sind, ja manchmal beschleicht einige von uns der Verdacht, daß auch sie zu diesen Verrückten gehören. Aber schön gesagt hat er es, der Herr Bronfenbrenner.

Alleinerziehende sind kaum besser dran, denn bei ihnen wohnen zwei Herzen, ach, in einer Brust. Behüten? Ja. Herausfordern? Auch ja. Dazwischen gedeiht das Kind (meist) prächtig.

Wenn man im Ying und Yang von Verwöhnen und Fordern Lotsenhilfe braucht, kann man auf die zahllosen Ratgeber in Büchern, Zeitschriften und im Fernsehen hören. Auch Freunde, Nachbarn und die eigenen Eltern leisten gerne ihren Beitrag zur Verwirrung. "Verwöhn das Kind nicht!" schnarren die einen, "Dein Kind braucht Liebe!" säuseln die anderen. Und alle, alle haben recht. Aber jeder nur ein bißchen.

Ein bißchen recht hat auch Albert Wunsch. Er plädierte in der ZEIT "für eine andere Erziehung". Ich bin froh, daß ich nicht bei der Tauffeier war, von der er berichtet. Lauter Kleinkinder, die an ihren Nuckelflaschen saugen. Dieses Schmatzen, widerlich. Meine Kinder sind, Gott sei Dank, aus dem Alter heraus. Albert Wunsch nahm das jedenfalls zum Anlaß, eine andere Erziehung, eine ohne Verwöhnung, zu fordern. Denn verwöhnte Kinder werden zu selbstsüchtigen Faulpelzen. Zeitlebens hängen sie an irgendeinem Versorgungstropf, statt auf eigenen Füßen zu stehen. Wie sollen sie da ihr Leben meistern, sich Ziele setzen und wacker darauf zumarschieren?

Welche Eltern kennen diese Debatten nicht! "Mußt du bei jedem Muckser sofort hinrennen?", "Sei doch nicht so ängstlich, es passiert ihm schon nichts." Das ist der Erziehungsalltag, wie er ist und wie er wohl bleiben wird. Nein, nein, sagt da Herr Wunsch, es ist ja viel schlimmer. Die Verwöhnung hat so um sich gegriffen, daß die "Verantwortung für die nachwachsende Generation" bald perdu ist und der Wirtschaftsstandort Deutschland sowieso. Wenn nicht schleunigst ein Ruck durch unser Land geht, ist alles verloren.

Das ist schlimm, aber es kann noch viel schlimmer kommen, das werde ich Ihnen jetzt mal zeigen. Folgen Sie mir, ich gehe voraus und mache Licht. Ich weiß, Ihre Zeit ist beschränkt, deshalb machen wir nur einen kleinen Rundgang durchs 20.Jahrhundert, die anderen Abteilungen werden im Moment ohnehin renoviert.