Über Auschwitz müsse durchdringender geschwiegen werden, schrieb einst der Autor dieser Zeilen. Er schrieb es fragend, zweifelnd und schrieb es dennoch, weil ihn die Angst überkam, die Erinnerung an das Entsetzen und der Respekt vor den Opfern könnten in Grund und Boden gepredigt werden.

Hat Martin Walser in seiner Frankfurter Friedenspreis-Rede der Bitte um wortlose Wahrhaftigkeit entsprochen? War am vergangenen Sonntag sein Protest gegen die "Routine des Beschuldigens", gegen die "Dauerpräsentation unserer Schande" Ausdruck der Scheu, dieses schrecklichste Ereignis der Menschengeschichte der Geschwätzmaschine auszuliefern?

Auschwitz eigne sich nicht dafür, "Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung", sagt der Schriftsteller. Doch läßt er es dabei nicht; im selben Atemzug fragt er mit aufgesetzter Treuherzigkeit: "Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein normales Volk, eine gewöhnliche Gesellschaft?"

Sind wir's? Fortgewischt die Erinnerung, daß es gerade die Normalität ist, die uns quälend verfolgt: die Normalität der Tätergesellschaft. Fortgewischt die Einsicht, daß die permanente Debatte über die Vergangenheit - die sogenannte - das Ihre getan hat, jene Perversion der Normalität in Schach zu halten und uns als Bürger im europäischen Haus einzurichten. Normalität? Walsers Worte zeugen davon nicht.

Einsetzbar; Moralkeule; Pflichtübung: Der Beifall des Hauses Frey wird Martin Walser nicht erspart bleiben. "Zitternd vor Kühnheit" vermutet er eine "Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken". Aber wer bedient sich dieses Instrumentes gegen wen? Warum nennt er Grass, Habermas, Handke und die "intellektuell maßgebende Wochenzeitung", gegen die er anrennt, nicht beim Namen?

Durch die Wolkigkeit der Anklage spannt er das Netz des Verdachts viel weiter: Wer steckt zuletzt hinter der "Drohroutine"? Wer droht wem? Drohen New Yorker Anwälte, die von der Deutschen Bank Aufklärung über Arisierungsgewinne und von der Allianz Auskunft über unterschlagene Versicherungen fordern? Droht der Jüdische Weltkongreß? Israel?

In ungute Nachbarschaft gerät, wer auf der Welle der Ressentiments reitet: dem Beifall entgegen, der den angeblichen Nonkonformismus - einst links, jetzt rechts - immer belohnt. Das Problem der Frankfurter Rede Walsers ist nicht ihre Kühnheit, sondern die Feigheit generalisierender Verdächtigung. Es wäre besser, in der Tat, er schwiege über Auschwitz.