Ein Mann auf dem Weg nach Hause, sehr früh am Morgen, Bart, Brille, dunkle Kleidung, einen Strauß Blumen in der Hand. Seine Bewegungen wirken bedächtig, seine Gesten gelassen. Im Off dazu: das Bekenntnis seiner Passion. "Ich kann nicht mehr genau sagen, warum ich Polizist geworden bin. Eigentlich wollte ich Pfarrer werden oder Arzt, irgendeinen Beruf, um den Menschen zu helfen. Meine Bilanz sind 651 Mordfälle in 21 Berufsjahren, aufgeklärt habe ich 458. Ich habe den Beruf immer geliebt. Aber der Beruf macht müde, unendlich müde."

Ein deutscher Polizist in einem schmuddeligen Berlin - matt und ausgelaugt, bleich, kaputt, deprimiert. Mit seiner Frau ist er zerstritten, mit seinem Sohn im Clinch, gegenüber seinem Vorgesetzten unter Druck. Er liebe seinen Beruf, bekennt er einmal, aber er hat seine eigenen Vorstellungen, ihn auszuüben. Ein Besessener ist er, der sich nur lebendig fühlt, wenn er wirbeln kann, einschüchtern, drohen, unter Druck setzen.

Spuren darf man nicht suchen, Spuren muß man kommen lassen - das ist seine Devise. Also achtet er besonders darauf, was um ihn herum passiert und andere gern übersehen.

Als er eine geheimnisvolle Frau am Tatort sieht, die den gelben Schirm trägt, der einige Minuten zuvor noch in der Wohnung des Ermordeten gestanden hat, wird er sofort aufmerksam. Doch niemand außer ihm scheint sie bemerkt zu haben, niemand außer ihm scheint sie wichtig zu nehmen. Er folgt der Frau, beobachtet, wie sie zur Arbeit geht, wie sie telefoniert, wie sie ihren Müll auskippt. Er schnüffelt ihr und ihrem Leben nach - und gerät dabei mehr und mehr in ihren Bann.

Am Ende steht er da mit leeren Händen und leerem Herzen

Eigentlich geht es ihm anfangs nur um den Job, um den gelben Schirm als Beweis für ihre Verstrickung in den Mord. Mit den Tätern sei es wie bei den besten Freunden, erklärt er dazu. "Man muß sie lieben, um sie zu verstehen." Er habe gelernt, daß bei der Ermittlung alle Details wichtig seien und daß man die Details in aller Ruhe auf sich zukommen lassen müsse.

Mitten in seinen Untersuchungen aber verläßt ihn seine Frau. Und sein Boß suspendiert ihn vom Dienst. Von einem Tag zum anderen zerfleddert sein Leben. So wird ihm pötzlich die Frau ihm braunen Ledermantel mit dem gelben Plastikschirm wichtiger, als sie es dürfte.

Am Ende steht er dann mit leeren Händen und leerem Herzen da - verloren und verzweifelt, enttäuscht und entwurzelt.

Polizeifilme haben eine lange Tradition im deutschen Kino. Schon bei Fritz Lang, in Dr. Mabuse und M, sind es Polizisten und Staatsanwälte, die den Verbrechern mit Entschiedenheit entgegentreten - den Allmachtsphantasien und Triebtätern. In den meisten dieser Genrefilme sind die Helden festgelegt auf dröges Ordnungsdenken und brave Pflichterfüllung. Allemal interessanter sind die Obsessiven, die, einmal fasziniert von einer Sache, alles einsetzen, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen: Hans Albers bei Richard Eichberg in den dreißiger Jahren, Claus Holm bei Robert Siodmak in den fünfziger Jahren oder Heinz Rühmann in Vajdas Es geschah am hellichten Tag, der sogar seinen Job aufgibt, um das "Ungeheuer" zu fassen, "das unschädlich gemacht werden muß".

Eine wichtige Regel: Je ungebrochener der Held und je grundlegender er in Schwierigkeiten gerät, desto vielschichtiger die Geschichte. Zum Rätsel um das unaufgeklärte Verbrechen kommt dann das Abenteuer eines Menschen in Bedrängnis, der durch sein Verhalten zeigt, wer und was er ist.

Berührt er dabei Abgründiges oder Verbotenes oder gar Subversives, wird das Alltägliche um ihn herum fremd und ungeheuerlich. Dadurch aber entsteht etwa für Ernst Bloch gerade die Faszination der Kriminalliteratur: "Etwas ist nicht geheuer, damit fängt es an."

Nico Hofmann, der zur Zeit wandlungsfähigste Profi des deutschen Films, hatte vor ein paar Jahren, in seinem Sandmann, mit der Wirkung des Ungeheuerlichen gespielt, damit, wie es die Massen und die Medien so elektrisiert, daß ein Hasardeur seine ganz eigenen Pläne verfolgen kann. Ein Fernsehsender meint einen Serienmörder zu entlarven, während der den ganzen Rummel um ihn bloß nutzt, um seinen neuen Roman stärker ins Gespräch zu bringen. Diabolisch das Spiel, vergnüglich die Strategie dahinter. Nun, in Solo für Klarinette, erzählt er davon, wie das Ungeheuerliche reizt und erschreckt - und doch, wenn tiefere Gefühle ins Spiel kommen, zu bannen ist. Für den Polizisten ist plötzlich völlig unwichtig, was die Frau, die er begehrt, getan hat, er ist bereit zu täuschen, zu fälschen, zu betrügen, um sie nicht zu verlieren. Obsessiv das Spiel, dämonisch die Strategie dahinter.

Hofmann zeigt seinen verwirrten Helden oft inmitten trostloser Schauplätze: düsterer Straßen, schmuddeliger Plätze, schäbiger Häuser. Die Wohnsilos wirken wie der zweite Vorhof der Hölle, leer, kalt, finster, und die Apartments wie Gruften, steril, aber feierlich. Dann rattert mal eine uralte U-Bahn vorbei, mal sind die Straßen müllüberflutet, mal ist die Welt voller Dunkelheit, Regen und Tod.

So stellt er auch äußerlich klar, was seinen Helden im Innersten bewegt: Finsternis und Irritation. Ein Gescheiterter ist er, der noch einmal von einem neuen Leben träumt, ein Traumwandler, ein lebender Toter.

Als diese geheimnisvolle Frau immer wichtiger wird für ihn, wird er weicher und offener. Plötzlich stellt er Fragen, deren Antworten er nicht kennt: Wer nur ist sie? Eine exzentrische Streunerin? Eine engagierte Kunstführerin? Oder eine gefährliche Neurotikerin? Eine geheimnisvolle Frau, von Corinna Harfouch mit irritierender Authentizität verkörpert: ein Jemand, die zu ihrem Unglück aber meint, ein Niemand zu sein.

Immer wieder schaut er auf sie. Wie sie schöne gefühlsselige Geschichten erzählt. Wie sie völlig ausrastet. Wie sie immer wieder telefoniert von entlegenen Zellen; was sich später als eigenartige Tagebuchführung entpuppt, weil sie ihre Erlebnisse auf den eigenen Anrufbeantworter spricht. Hofmann charakterisiert diese Frau als Mittlerin des Todes, als rätselhafte Schönheit, die bloß etwas Liebe will, dabei aber nur Verwirrung und Zerstörung anrichtet. Aufregend ist es, wie Hofmann Götz George einsetzt, den deutschen Filmstar, im Kino wie im Fernsehen. Wie kein anderer hat der in den achtziger und neunziger Jahren den deutschen Kriminalfilm geprägt. Wie kein anderer hat er hierzulande das Unerlaubte und Unvorstellbare ausgelotet - mit Figuren am Rande schwärzester Phantasien.

Nun ist er, wiederum bei Nico Hofmann, ein alternder city cop - ein schwacher Mann, der stark sein will, der sich wie verrückt abstrampelt, um größer zu erscheinen, als er ist. Solo für Klarinette, eine Berliner Hommage an den klassischen Film noir, ist eine rabenschwarze Phantasie über Angst und Verzweiflung, Trauer und Tristesse, Schmutz, Gewalt und Tod.

Die Noir-Welt, die schon immer Alptraum, Konfusion und Düsternis gewesen ist, wird bei Nico Hofmann zum Chaos aus zerronnenen Hoffnungen und falschen Gefühlen, zum Wirrwarr um verlorene Ehre, vergebliche Liebe und verdrängte Irrtümer. Am Ende geht nichts mehr. Rien ne va plus.