Es schien zu einfach, um wahr zu sein: Ausgerechnet ein so simples Molekül wie Stickstoffmonoxid, aufgebaut aus einem Stickstoff- und einem Sauerstoffatom, ein giftiges Gas zudem, sollte Signale zwischen Zellen übermitteln können. Als die Pharmakologen Robert Furchgott und Louis Ignarro im Juli 1986 den Botenstoff mit der chemischen Formel NO präsentierten, lösten sie damit eine Lawine von Forschungsaktivitäten aus. Am Montag dieser Woche bekamen die beiden, gemeinsam mit dem Arzt und Pharmakologen Ferid Murad, dafür den diesjährigen Nobelpreis für Medizin zuerkannt.

Die Forschungen der drei begannen vor gut zwanzig Jahren. Im Jahr 1977 zeigte Ferid Murad, daß die gefäßerweiternde und blutdrucksenkende Wirkung von Nitroglycerin auf der Freisetzung von Stickstoffmonoxid beruht. Das Gas spiele möglicherweise eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen den Zellen, vermutete Murad. Der Beweis gelang neun Jahre später Robert Furchgott und Louis Ignarro.

Doch schließlich konnte Salvador Moncada beweisen, daß es sich bei EDRF tatsächlich um das einfache NO handelte. Der aus Honduras stammende Wissenschaftler beklagte sich am Montag bitter, er sei bei der Nobelpreisvergabe bewußt übersehen worden. "Ich trage einen lateinamerikanischen Nachnamen und bin nie in Harvard oder Oxford gewesen", suchte Moncada nach einer Erklärung für seinen Frust. Der dürfte nicht nur wegen des Preisgeldes von 1,5 Millionen Mark groß sein, sondern auch wegen der wissenschaftlichen Bedeutung seines Befundes.

Aus dem giftigen Gas wurde ein Supermolekül für die Medizin

Längst ist aus dem Atemgift und Umweltschadstoff Stickstoffmonoxid, das bei Verbrennungen entsteht und bei der Bildung von bodennahem Ozon beteiligt ist, ein "Supermolekül" für die Medizin geworden. Der "Schlüsselfaktor des Blutdrucks" eröffnet völlig neue Möglichkeiten zur Therapie von Herz- und Kreislauferkrankungen. Stickstoffmonoxid freisetzende Medikamente werden zur Behandlung von Bluthochdruck, Thrombose und Arteriosklerose eingesetzt. Mediziner benutzen es zur Behandlung schwerer Atemstörungen bei Neugeborenen und bei Unfallopfern. Wird das Gas eingeatmet, erweitern sich die Blutgefäße der Lunge und fördern so die Durchblutung des Organs. Auch das Stickstoffmonoxid aus den Autoabgasen fördert die Lungenaktivität, der Effekt wird jedoch durch andere Stoffe aus den Abgasen wieder zunichte gemacht.

Bereits 1992 kürte das Wissenschaftsmagazin Science NO zum "Molekül des Jahres". Furchgott und Murad erhielten für ihre Forschung 1996 den angesehenen Lasker-Preis, Ignarro soll im November mit dem Preis der amerikanischen Herzgesellschaft ausgezeichnet werden.

Heute weiß man, wie wichtig der Stoff für viele Körperfunktionen ist, etwa für den Sex. Carl Djerassi, der Erfinder der Antibabypille, hat diese Erkenntnis in einem Roman mit dem Titel NO verarbeitet. Djerassi hat sich dabei allerdings weniger mit der Chemie beschäftigt als mit der Entwicklung und Vermarktung eines Erektionsförderers. Viagra war damals noch nicht auf dem Markt. Die Erforschung von NO hat die Synthese der Potenzpille aber zumindest indirekt gefördert. Denn wie Viagra setzt auch Stickoxid beim cGMP-Spiegel an. Die Substanz sorgt dafür, daß sich die Gefäße entspannen und mehr Blut in den Schwellkörper fließen kann. NO steigert den cGMP-Gehalt im Gewebe, Viagra bremst den Abbau von cGMP.