Leutnant Heinrich Mathy schwebt 2800 Meter über Cambridge. Obwohl es eine mondlose Nacht ist, kann er das rund hundert Kilometer entfernte London bereits klar erkennen, denn die Lichter der Großstadt bilden eine große, glänzende Kuppel am südlichen Horizont, auf die er nur zusteuern muß. Rund eine Stunde später ist er da.

"Man konnte den Regent's Park deutlich ausmachen", berichtete er später. Plätze, große Gebäude und die Themse als Wegmarken nutzend, tastet er sich langsam bis zum Zentrum der Stadt vor. Doch Mathy ist nicht auf Sightseeing-Tour - er ist gekommen, um Bomben zu werfen.

Der 32jährige Marineoffizier kommandiert L 13, einen der modernsten Zeppeline seiner Zeit: 163 Meter lang, fast 100 Kilometer pro Stunde schnell, in der Luft gehalten von 31 900 Kubikmeter hochbrennbarem Wasserstoffgas. Es ist die Nacht vom 8. auf den 9. September 1915, über ein Jahr nach Beginn des Ersten Weltkrieges, als sich Mathy anschickt, den Schrecken des Krieges bis ins Herz des Empire zu tragen. Er ist am Morgen zuvor in Hage an der ostfriesischen Küste gestartet, hat die Nordsee überquert und sich dann entlang der englischen Küste südwärts geschlichen.

Die Männer an Bord sind gegen die Kälte in den ungeheizten Gondeln durch dicke, pelzgefütterte Spezialmonturen notdürftig geschützt, in denen sie wie tapsige Teddybären aussehen. Doch was sie jetzt tun, paßt ganz und gar nicht zu ihrem drolligen Aussehen: Sie machen die Bomben scharf, rund eineinhalb Tonnen hat L 13 an Bord. Kurz vor 23 Uhr explodiert Mathys erster Sprengkörper in der Stadt auf einer kleinen Straße. Rund eine Stunde lang kreist L 13 über London; den wenigen verschreckten Einwohnern, die ihn am Nachthimmel ausmachen können, erscheint er wie ein gemächlicher Geier. Die ersten Häuser stehen bereits in Flammen, als Mathy seine schwersten Bomben - jede wiegt 300 Kilogramm - klarmachen läßt. Die Wirkung "muß sehr groß sein, da ein größerer Komplex von Lichtern in der Sprengung verschwand", notierte der Kommandant später.

Tatsächlich treffen seine Bomben Wohn- und Lagerhäuser, Straßen und zwei Omnibusse. Unter ihm flammen Suchscheinwerfer auf, und das unpräzise Abwehrfeuer der Geschütze setzt ein. Doch er geht einfach tausend Meter höher und lädt den Rest der Bomben ab. Als Heinrich Mathy schließlich abdreht, stehen Teile der Innenstadt in Flammen, während er vom Geschützfeuer und von den wenigen klapprigen Jagdflugzeugen, die eilig aufgestiegen sind, vollkommen unbehelligt bleibt.

Der Angriff hat 22 Opfer gefordert (außerdem ist der Pilot eines Abfangjägers umgekommen); es hat Dutzende Verletzte gegeben, und es ist ein Schaden von circa einer halben Million Pfund (über zehn Millionen Goldmark) entstanden. Mit diesem, dem verheerendsten Luftangriff des Ersten Weltkrieges, begann ein neues, düsteres Kapitel der Kriegführung: die Bombardierung der Zivilbevölkerung weit hinter der Front.

Die Anfänge fünfzehn Jahre zuvor wirkten alles andere als martialisch. Der 1838 geborene Graf Zeppelin war nicht der erste Tüftler, der mit Luftschiffen experimentierte, doch der hartnäckigste. Luftschiffe waren sehr groß, empfindlich und langsam. Die ersten silbernen "Zigarren" gingen schnell zu Bruch. Die Militärs waren skeptisch und kauften schließlich vor allem deswegen einige Luftschiffe an, weil diese inzwischen zum Objekt nationaler Begeisterung geworden waren. Bei Kriegsbeginn im Sommer 1914 hatte das Heer gerade elf Luftschiffe verschiedener Bauart in Dienst, die Marine ein einziges.