Es ist die Schreckensvision der Musikindustrie: das Internet als riesiger Selbstbedienungsladen. Alles kostenlos, alles verfügbar, alles außer Kontrolle. Ein einziges Piratennest, allein darum gerade noch beherrschbar, weil sich im World Wide Web vornehmlich Freaks und Auskenner tummeln. Early adoptors, wie sie im Branchenjargon heißen, die sich gern auch mal ihre CDs per Computer selbst brennen oder wissen, wie der Kopierschutz beim Überspielen einer Minidisc zu knacken ist.

Diese - von Marketingleuten so umschwärmte wie gefürchtete - Klientel, die Vorhut zukünftiger Konsumentenmassen, hat seit einiger Zeit ein neues Liebkind: MP3. Die kryptische Abkürzung steht für Motion Picture Expert Group 2 Layer 3, ein Verfahren zur Kompression von Audiodaten. Auf einen kurzen Nenner gebracht, ermöglicht diese Technologie, digitale Informationen auf ein Zwölftel der ursprünglichen Datenmenge einzudampfen, ohne daß allzu viele Zwischentöne verlorengingen.

Bislang fehlte der Netzgemeinde ein Bindeglied zwischen dem schnellen Brüter Internet und dem vergleichsweise behäbigen und bequemen Durchschnittskonsumenten. Nun richten sich die Hoffnungen der MP3-Fans auf den "MPlayer3". Es handelt sich um das erste Gerät auf dem deutschen Markt, das dem Freund der Online-Musik ohne umständliche Hilfskonstruktionen die Abnabelung vom PC ermöglicht. Äußerlich erinnert das Teil an einen Walkman, auch der avisierte Preis von etwa 430 Mark hebt das schnuckelige Elektronikpaket nicht in neue Dimensionen.

Allein: Hier dreht und bewegt sich nichts mehr - dem MPlayer3 fehlt jede Mechanik. Musik wird direkt aus dem Netz gezapft und auf briefmarkengroßen Multimedia-Flashcards gespeichert, die in der Mobilcomputerwelt Standard sind. 8 Megabyte fassen 10 bis 15 Minuten Musik, Karten mit 32 oder mehr Megabyte sind angekündigt. Auch ein ROS (Record On Silicon) betiteltes Format ist avisiert - die Daten darauf sind nicht überschreibbar und mit einem Kopierschutz versehen.

Ein Sedativ für den traditionellen Plattenhandel? Ein Ablenkungsmanöver für Urheberrechtsexperten? Oder gar ein potentieller Nachfolger der CD?

"MP3-Speicherkarten könnten durchaus die neue Generation von Tonträgern bilden", sagt Michael Kreissl, Programmchef des Kölner Musik-TV-Senders Viva. "Denkbar ist es, vorbespielte Speicherkarten in den Handel zu bringen oder MP3-Dateien über Music-On-Demand-Web-Sites zu vertreiben." Music On Demand (MOD) macht den Konzernen, deren Stärken ja vor allem im Vertrieb angesiedelt sind, angst. Die kontroverse und bisweilen heftige Diskussion zum Thema signalisieren Kreissl die Nervosität der Branche. Mit MOD rücken andere Bereiche in den Vordergrund - Musikverlage oder unabhängige Kreativzellen, die direkt an eine Zig-Millionen-Zielgruppe gelangen können.

Für Überraschung sorgt in diesem Kontext die Herkunft des MPlayer3: it's not a Sony, und Philips steht auch nicht auf dem Herstelleretikett. Pontis, ein kleiner, in Schwarzenfeld bei Regensburg ansässiger Betrieb, hat sich bislang vornehmlich mit Lichtwellenleitern und Meßtechnik befaßt. Der Werbeauftritt im Internet ist selbstbewußt, camoufliert aber erste Schwierigkeiten: die Premiere des MPlayer3 ist vorerst auf November verschoben. "Lieferantenprobleme" verlautet Pontis-Geschäftsführer Erich Böhm. "Trotzdem liegen schon ein paar hundert Vorbestellungen vor."