Wittstock/Dosse

Alles ist hier historisch: die zweieinhalb Kilometer lange Backsteinmauer um die Stadt, an ihrer Südspitze der Amtshof, seit Mitte des 13. Jahrhunderts Wohnsitz der Bischöfe von Havelberg. Und der mächtige Turm, darin seit kurzem ein - nein: wegen seiner Einzigartigkeit das Museum des Dreißigjährigen Krieges.

Unweit der Stadtmauer die Stelle, an der 1636 nach blutiger Schlacht die Schweden unter einer Pappel ihren Sieg mit einem Dankgottesdienst feierten. Dann das Schlachtfeld: Die Kugeln, die der Detektor noch heute hier aufspürt, wurden vor 362 Jahren aus schwedischen, kaiserlichen und sächsischen Musketen abgefeuert.

"Das greuliche Schießen, das Geklapper der Harnische, das Krachen der Piken und das Geschrei beides, der Verwundeten und Angreifenden, machten eine erschröckliche Musik. Die Erde ... war mit Toten überstreut." So hat es der Zeitgenosse Grimmelshausen in seinem Simplicissimus überliefert, der im 27. Kapitel des zweiten Buches von der Schlacht bei Wittstock am 4. Oktober 1636 berichtet. Das Zitat ist seit kurzem in deutsch und schwedisch auf einer Tafel vor dem achtzig Tonnen schweren mittelschwedischen Granitklotz zu lesen. Das Relikt aus der Eiszeit wurde 1997 aus einer vier Kilometer entfernten Kiesgrube unter eine große Pappel gewuchtet. Hier war es, wo am Tage nach der blutigen Schlacht der schwedische General Johan Graf Banér seinen Dankgottesdienst feierte. Seine waghalsige Strategie hatte zu einem Sieg über die verbündeten kaiserlichen und sächsischen Truppen geführt.

Hier wurde unlängst der Dankgottesdienst unter der Pappel wiederholt. Wieder gedachten schwedische Soldaten, unter ihnen der Generalinspekteur der Streitkräfte und Angehörige aller sechs Traditionsregimenter ihrer Vorfahren, die unter Gustav Adolf 1630 für den evangelischen Glauben in den großen Krieg eingegriffen hatten. Im historischen Bewußtsein der Schweden ist, anders als in Deutschland, die Schlacht bei Wittstock lebendig geblieben. Mit ihrem Sieg Anno 1636 meldete sich die in Wien nach Verlusten schon abgeschriebene nordische Großmacht auf dem teutschen Kriegsschauplatz zurück. Richelieus Frankreich, als Kriegspartei dadurch im eigenen Land von Druck entlastet, konnte Schweden wieder sekundieren.

Die komplexe Geschichte des Dreißigjährigen Krieges wird im jüngst eröffneten Museum im alten Bischofsturm anschaulich und begreiflich gemacht. In den sieben Turmgeschossen wird den Ursachen der lang andauernden Gewalt und ihrem Kern, der Machtfrage in Europa, wird ihren Folgen, dem Gang ihrer mühsamen Beendigung auf den Grund gegangen. Wäre das Wort nicht so platt, hier paßte es: Im Auf- und Abstieg durch die sieben Turmgeschosse erlebt der Besucher Geschichte zum Anfassen. Und zum Erkennen: Unversehens sieht er sich immer wieder in europäische Gegenwart versetzt. Erkennt man in den Opfern der Bevölkerung von damals, den Hungernden, Vertriebenen, Unbehausten, an jedem Übel Leidenden nicht auf dem Balkan die Menschen in ihrer Not als Wiedergänger des Dreißigjährigen Krieges? Legen sich die Fernsehbilder des Tages nicht deckungsgleich über die Kupferstiche aus dem 17. Jahrhundert? Oder die Soldaten, denen von den Kriegsherren Sold und Fürsorge vorenthalten wurden, wie den aus allen Ländern rekrutierten Söldnern Mansfelds oder Tillys, den Pappenheimern oder den Schwedischen - sind sie nicht ebenso armselige Objekte wie heute russische Soldaten?

Und die Waffentechnik. Ein Film zeigt, wie kompliziert seinerzeit das Schießen war. Minuten brauchte es, bis die Muskete feuerbereit war. Doch traf die Kugel, war der andere genauso tot wie heute nach dem Gebrauch der Kalaschnikow. Die Überlebenschance für einen Bein- oder Armamputierten allerdings war, sieht man die damals benutzte Knochensäge, ungleich geringer als heute.